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Full text of "Farben-Kugel; oder, Construction des Verhältnisses aller Mischungen der Farben zu einander, und ihrer vollständigen Affinität, mit angehängtem Versuch einer Ableitung der Harmonie in den Zusammenstellungen der Farben. Nebst einer Abhandlung über die Bedeutung der Farben in der Natur, von Heinrik Steffens"

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FARBEN-KUGEL 

oder 

Construction des Verhältnisses aller Mischungen der Farben zu 
einander, und ihrer vollständigen Affinität, 

mit angehängtem 

Versuch einer Ableitung der Harmonie in den Zusammenstellungen 

der Farben. 

Von 

Philipp Otto Runge, Mahler. 
NebsteinerAbhandlnng 

iiber die Bedeutung der Farben in der Natur, 
von Hrn. Prof. Henrik Steffens in Halle. 



I\Iit einem Kupfer, und einer beygelegten Farbentafel. 



Hamburg, 
b e y F r i e d r i c li Perthes. 

8 



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V o r b e r i c li t. 



J_-/ie Figuren in diesem Riiclilein . welclip. die Consii-uction des Kiigelverliältnisses anschaulich 
machen sollen, endigen mit der Kugel selbst, welche, colurirt, nach zwej- perspectivischen 
Aufrissen, und mit zwey Durchschnitten, auf der Kupfertafel dargestellt ist. Von dieser Abbil- 
dung, da sie so wie die librigen Figuren nur der Vorstellung zu Hülfe kommen soll, wird mau 
nicht verlangen, dafs alle Mischungen so bestimmt und klar ersclieinen, als davon in der wört- 
lichen Consn-uction die Rede ist; auch hätte eine soj'gfaltigere Ausfüluung der Illumination, 
wenn sie nicht gar hier am Orte unmöglich gewesen vv'äre, nur die Herausgabe des Werkes 
verspätet und vertheuert ; und obschon die Vorstellung des Verhältnisses für jedermann sehr an 
Klarheit gewinnen müfste, wenn au einer wirklichen Kugel, und verschiedenen Kugelabscluiitten, 
die Farben in ihren Mischungen und Nuancen nach dieser Constructiou aufgetragen wiüden, 
so Vyfird man doch auch schon nach gegenwärtiger Knpfertafel deutliclier begreifen können , was 
gemeynt ist. 

Bey den Farben- Zusammenstellungen auf der anderen Tafel, siiul mit Vorbedacht lauter 
undurchsichtige oder Decktarben ange-wandt, -wenn mau selbige gleich auf andere \Yeise 
brillanter hätte haben können; es sollte vom Unter!chied des Materials ganz abo-esehen, und 
blofs das Verhältnifs des Farbeneindrucks au und für sich in Betracht gezo-^en werden, dieses 
konnte nicht so abgesondert statt linden, wenn die Verschiedenartigkeit des Materials mit in 



Collinon getreten wäic. Will man Jedocli die Effecte etwas lebhafter empfinden, so Ixöunte man 
statt des gefärbten Papieres Taffent- oder Atlasbander wählen. 

Anstatt diese Zusammoustellungen , eine jede an ilnen Ort, im Contexte meiner Schrift 
selbst einzuschalten, schien es den Vorzug zu verdienen, sie insgesaninit in gegenwärtiger Folge 
auf einer Tafel darzustellen, weil, was in den verschiedenen Abschnitten erörtert wird, itzo dem 
Blicke wieder in einer Figur anspricht. Das Störende aber, was aus der Zusammenstellung des 
Ganzen für die Betrachtung eines einzelnen Effectes entstehen niiifs, wird dadurch gehoben, dafs 
die Tafel nicht angeheftet ist, und man das Buch selbst dazu anwenden kann, die störenden 
Zusammenstellungen zuzudecken. 

Der Abhandlung meines Freundes Steffens verilanken wir den Blick in eine Fülle der 
herrlichsten Erscheinungen in der Natur ; und ich würde glauben ein erfreuliches Ziel erreicht 
zu haben , wenn mein kleines Werk zur ruhigen Ueberschauung aller dieser interessanten Phäno- 
mene einiges beyzutragen im Stande gewesen wäre. 

P. O. Runge. 



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öo natiirlich, ja unumgänglich es scheint, die regelmäfsigen Resultatt; 
welche beym Vermischen färbender Materialien uns in die Augen fallen, 
an den Theorieen des Lichts , oder der Entstehung der Farben , zu vergleichen 
und zu prüfen, und eine Lehre, einen wissenschaftlichen Unterricht für 
den Mahler, von den Theoremen oder Hypothesen herzuleiten, aus welchem 
demnächst fruchtbare Regeln erwachsen liönntcn , so ist doch beliannt, wie 
Jüilflos den Künstler die aufgestellte Wissenschaft gelassen hat, wenn die 
bestehenden Verhältnisse farbiger Substanzen Wirliungen erzeugten, die 
aus der blofsen Brechung des Lichtstrahles nicht zu erklären waren. 

Wenn erwogen wird, wie neben einer richtigen Erlienntnifs der 
Formen des menschlichen Cörpers, und ihrer Maafsverhältnisse, dem Mahler 
auch die Einsicht in die Perspectiv vonnöthen ist, Avodurch Gröfse und Ort 
in Hinsicht ilirer Erscheinung den Gestalten bestimmt wird; nicht weniger 
die Kenntnifs von der Richtung der Lichtstrahlen , so wie ihrer Brechung und 
Zurücliwirliung, damit es möglich werde, die Gegensüinde rund, und in 
einem räumlichen Vcrhällnifs erscheinend, darzustellen: so gesellet sich 

A 



unmittelbar die Betrachtung hinzu, dafs alle Dinge auch ihre Farben 
haben , und die Farben in manchen Zusammenstellungen einen angenehmen, 
in anderen aber einen widrigen Eindruck machen, endlich, dafs dieselben 
durch Vermischung, entweder andere erzeugen, oder sich auflösen. 

Beruhet aber die Wissenschaft der Zeichnung, in welcher sich die 
Kenntnifs von der Form, der Proportion, von den perspectivischen Verhältnissen, 
und der Beleuchtung der Gegenstände vereinigen, wesentlich auf Entdeckung 
der Gesetze, nach welchen die' Gegenstände dem Auge sichtbar vrerden , mit 
nichten aber auf Erkenntnifs der Körper oder ihrer Formen an und für sich; 
so möchten wir, wenn unsere Aufmerksamkeit sich nun auf die Farben 
lenkt, auf ähnliche Weise streben, die Verhältnisse der gegebenen Farben 
zu einander, sowohl in ihrer Reinheit als nach dem Gesetze wornach ihre 
Mischungen vorzugehen scheinen, zu erforschen, um die Eindrücke, welche 
ihre Zusammenstellungen auf uns machten, und die veränderten Erschei- 
nungen, welche aus ihren Mischungen entstehen, bestimmt ausfmden, und 
jedesmahl mit unserem Material wiedergeben zu können. 

Diese Erkenntnifs kann daher angesehen werden als ganz abgesondert 
von der Wissenschaft, -wie durch das Licht die Farben entstehen; indem 
wir vielmehr die Farbe als eine gegebene ja selbstständige Erscheinung, 
und in Verhältnissen zum Licht und zur Finsternifs, zu hell und dunkel, 
zu weifs und sclnvarz, betrachten und so begreifen nröchten. Gelangten 
wir auf diesem practischen Wege, von einem so entgegengesetzten Stand- 
puncte, endlich auf einerley Resultat mit dem Lehrer der Theorie des Lichts, 
so würde es nur desto ge^vinnvoller sey^. 



— 3 . — 

Es ist einlcuclitend, dafs alle reinen Farben, unter und von welchen 
eine Zusammenstellung möglich ist, auch die Gesammtzahl der 
Elemente aller und jeder Mischungen ausmachen müssen. Dieser 
Elemente sind fünfe: -weifs, schwarz, blau, gelb, roth; aufser 
welchen nicht möglich ist, sich eine völlig unverniischte Tinctur vorzustellen. 

Wir sondern aber weifs und schwarz von den andern drey 
Farben (welche wir überhaupt nur Farben nennen) aus, und stellen sie 
in eine verschiedene, den Farben wie entgegengesetzte Classe; weil 
nämlich Aveifs und schwarz einen bestimmten Gegensatz (den von hell 
und dunkel, oder Licht imd Finsternifs) nicht nur für sich allein in 
unserer Vorstellung bezeichnen, sondern auch in ihrer mehreren oder 
minderen Vermischung sowohl mit den Farben als mit allen farbi-^en 
Mischungen, das hellere oder dunklere überhaupt, durch mehr oder wenio^er 
weifslich oder schwärzlich, vorstellen: mithin auch als hell und dunkel 
überhaupt, in einem allgemeinen und andern Verhältnifs zu den Farben 
stehen, als diese gegen sich unter einander beweisen. 

Es haben öfters Bestrebungen, wiewohl nur als Versuche statt 
gefunden, in einer tabellarischen Form das Verhältnifs aller Mischungen 
zu einander darzustellen. Die Figur nun, durch welche der ganze Zu- 
sammenhang aller Verhältnisse ausgedrückt werden soll, kann nichts will- 
kührliches, sie mufs vielmehr das Verhältnifs selbst seyn , indem solche 
nothwendig aus der natürlichen Neigung so wie Feindschaft, welche die 
Elemente zu einander äufsern , hervorgehen mufs. 

Wenn wir uns nun die drey Farben, blau, gelb, roth, eine 

A2 



jede in ihrem völlig reinen Zustande vorstellen; so verlangen wir, dafs das 
blaue weder von gelb noch von rotli den geringsten Zusatz habe; so wie von 
dem gelben, dafs es nicht im mindesten weder ins blaue noch ins rothe 
spiele; auch von dem rothen , dafs es weder gelblich noch bläulich schillere. 
Da nun vielleicht kein vorhandenes Farbenmateriale in der gesetzten völligen 
Abwesenheit von aller Beymischung da ist; v/enigstens aber es der Theorie 
zuliömmt, wenn wir in den vorhandenen Farben noch eine Mischung und 
Mehrheit erkennen, von solcher zu abslrahiren, und jedes reine Element 
als eine absolute Einheit anzunehmen, so beweisen diese so gesetzten iianz 
mischungsfreyen Farbenpuncte eine Analogie mit dem dimensionslosen 
mathematischen Puncte. Und da die Qualität einer jeden der drey Farben 
völlig individuell, und gesondert von jeder Qualität der beyden andern ist, 
ich also die Differenz derselben in gleicher Gröfse setze, so formiren die drey 
Puncte: blau, gelb, roth, M'enn ich die gleiche Differenz durch gleiche 
Linien ausdrücke, ein gleichseitiges Dreyeck, als den (niclit unbekannten) 
figiirlichen Ausdruck für das Verhältnifs unter diesen drey reinen Naturkräften. 




^ 5 -- 

Begannt ist, dafs durch die Vermischung von blauem und gelbem, 
grün; von gelbem und rothem, orange, und von rothem und blauem, 
violett erzeugt werden, dafs aber auch, wenn z. B. in grünem das blaue 
stärlier' wirkt als gelb, sich das grüne in blau, und wenn gelb stärker dann 
wirht, es sich ins gelbe abstufft oder neigt, und sich zuletzt völlig darin 
verliehrt. Das übereinstimmende ist mit orange der Fall, welches sich in 
gelb und rodi neigt und verliehrt, so wie violett in roth und blau. Diese 
Be weglichl. eit von grün, orange und violett, würde nun im Gegensatz 
von den drey reinen isolirten Farbenpuncten B. G. R. wenn wir uns diese als 
gegen einander wirkend vorstellen, als ihre Neigung von einem Puncte zum 
andern , durch die drey Seiten des Dreyecks ausgedrückt werden. 




orange 

Obgleich nun, im Gegensatz von der Einheit jeder der drey Puncte 
B. G. R. die drey Mischungen: grün, orange, violett, jede eine Mehrheit 
sind, und in unzählichen Sr.uffen zwischen je zweyen Farben sich befmden, 
so wird doch, wenn zimi Beyspiel B. und G. in gleicher Kraft zusammen wir- 
ken, oder sich vermischen, in demMittelpuncte der Linie BG grün ebensowohl 



— 6 — 

als eine eigene Farbe erscheinen, die zu blau und zu gelb in gleicher 
Neif^ung und gleicher Öifferenz (welche in diesem besondern VerhäUnifs 
Indifferenz wird) steht. Ebenso verhält es sich mit orange, und wiederum 
mit violett. Weil nun grün, orange und violett in diesen Mittel- oder 
abstracten Puncten mit B. G. und Fi. in gleicher Differenz stehen, und auf 
den Seiten des Dreyechs auch in gleiche Entfernung von denselben zu setzen 
sind, so werden sie nuch in ihrem Verhältnisse unter sich in gleicher Differenz 
stehen , und ein gleichseitiges Dreyecli formiren , welches in dem ersteren 
mitten inne läge. 



röiliclL O geiblick. 

Da aber alle drey reinen Mischungspuncte Gr. O. V. sowohl, als alle 
sich von Gr. in B. und G. von O. in G. und R, und von V. In R. und in B. 
neigende Mischungen, nur aus der Zusammenwirkung je zweyer reinen 
Farben hervorgegangen sind, so sind sie von aller Neigung, zu jeder dritten 
Farbe sowohl als irgend einer sonstigen Tinctur, völlig frey. 



Es Ist aber vorher bestimmt worden, dafs alle Farben uncl reinfarbige 
Mischungen, zu weifs und schwarz (zu weifs als einer Erhellung und 
Schwächung, zu schwarz als einer Verdunhelung oder Trübung) in einem 
allgemeinen Verhältnifs stehen, und der Einwirkung derselben empfäng- 
lich sind. Es sind also die drey Puncte Gr. O. V. sowohl , als alle zwischen 
ihnen und den Puncten B. G.R. liegenden einfachen Mischungen, mit dem 
Puncte weifs nach der einen, und schwarz nach der anderen Seite, (als 
zwey vollhommenen Gegensätzen) in derselben Differenz, und mithin alle 
in dieselbe Entfernung von weifs wie von schwarz zusetzen, in welcher 
die drey Puncte B. G.R. von ebendenselben (nämlich von weifs und von 
schwarz) stehen; da wir gleiche Differenz unter Naturliräften durch gleiche 
Linien (Entfernungen) auszudrücken zur Regel angenommen haben. 

Diese allgemein gleiche Entfernung aber von zwey verschiedenen 
Puncten, können wir unter keiner andern Figur uns vorstellen, als wenn 
wir die Totalität aller reinen Farben und ihrer einfachen Mischungen 
(nämlich die drey Puncte B. G.R. sowohl, als Gr. O. V. mit ihrer ganzen 
Neigung in die einfachen Farben,) eine vollkommene Creislinie bildend 
annehmen; innerhalb welcher die beyden gleichseitigen Dreyecke BGR und 
GrOV zusammen ein gleichseitiges Sechseck ausmachen, und zu welcher 
weifs und schwarz, oder die zwey Puncte W. und S. wie aufserhalb der 
Creisfläche liegende Pole sich verhalten, deren Entfernung von einander 
WS als eine Linie (Achse) anzunehmen ist, welche durch das Centrum des 
Creises geht. 



— 8 



-4 



w 




Es ist daher das zweyte Dieyeclx GrOV eben so grofs wie das erstere 
BGR anzunehmen, und man wird sich izt die Totalität aller grünen, 
orangen und violetten Misch vmgen in ihrer wahren Richtung so vor- 
stellen können, als wenn das Dreyeck GrOV sich um die Achse WS zwischen 
den Puncten B.G.R. hin und her bewegte, und so den ganzen Creis bildete. 




Beyde Dreyeckc, oder das vorhin (Fig. 4..) aufgestellte gleichseitige 



— 9 — 

Sechseclt, enthalten, in dep Folge: blau, ginin, gelb, orange, roth, 
violett, die sogenannten sieben Farben des Regenbogens; wenn man 
violett in bläuliches und röthliches an beyden Seiten des Regenbogens 
zertrennt, annimmt. Und so enthält der Übergang und Umfang des ganzen 
Greises, alle reinfarbigen Mischungen, und die reinen Farben seihst. 

Wie grün durch die Vermischung von blau und gelb erzeugt wird, 
so entsteht durch die Vermischung von \veifsem und schwarzem, grau; 
welches sich in weifslicher und schwärzlicher Neigung auf der Linie zwischen 
diesen beyden Puncten abstufft, und auf der einen Seite in weifs, wie auf 
der anderen Seite in schwarz, sich verliehrt. Im Mittel aber, wo die 
beyden Kräfte in gleicher Stärke gegen einander wirken, wird der Punct 
seyn, wo dasselbe als ein völlig gleichgültiges grau, in gleicher 
Differenz und gleiclier Neigung zu schwarz -wie zu weifs steht; welcher 
Punct, unserer Configuration gemäfs , eben derselbe ist, auf welchem die 
Linie WS die Fläche des Farbencreises berührt und schneidet. 

In dem Farbencreisc sind, wie M'ir gezeigt haben, die drey abstracten 
Puncte des grünen, orangen und violetten, Avelclie das Dreyeck GrOV 
bilden, die Producte von je zweyen reinen Elementarfarben, welche sich 
in diesen Puncten in gleicher Kraft innigst vereinigt und durchdrungen haben. 
Wenn wir aber zu dem reinen griln, als dem Producte aus gelb und blau, 
die dritte Farbe, rolh, im geringsten zumischen, so erfahren \vir, dafs 
diese den heitern Schein des grünen blofs zerstört und beschmutzt, ohne 
solchem einen rothen Schein mitzutheilen. Es wird also grün durch eine 
stärkere Beymischung von roth, in einen völlig farblosen SchmuLz, oder 

r. 



— ao — 

In grau, aiifgelöset; -welches nur erst durch nocli stärkere Beyniischung 
einen rothen Schein annimmt. Diese Auflösung aller farbigen Erscheinung 
ist die Folge von der gleich starken Zusammenwirkung aller drey reinen 
Farben. Denn es werde blau mit orange vermischt , so lösen beyde sich 
eben sowohl in dasselbe farblose grau auf; so wie auch gelb mit violett. 
Wie wir uns denn auch ein röthliches grün, ein bliiulich orange, 
oder ein gelblich violett, so wenig vorstellen können, als einen 
ösUicJicn West, oder einen südlichen Nord. Da nun die drey 
reinen individuellen Qualitäten B.G. R. wenn sie in gleicher Kraft zusammen 
wirken, alle Individualität völlig verliehren, und in eine absolute Allge- 
meinheit aufgelöset vrerden; die Individualitäten von B. G. R. aber, in allen 
einfachen Mischungen des ganzen Farbencreises in vollkommener Wirk- 
samkeit erscheinen: so sind diese einfachen Mischungen sowohl, als die 
drey reinen Farben, in gleicher DiflFerenz mit der absoluten Allgemeinheit 
des farblosen Punctes; welcher daher, in gleicher Entfernung von 
jedem Puncte des ganzen Umcreises stehend, der Mittelpunct des 
Greises ist. In demselben lösen sich auch alle diametral entgegenstehenden 
Farben und Mischungen auf; indem in jedem Diameter des Greises alle 
drey reinen Farben gleich wirkend sind. Denn wenn (Fig. 6.) der Punct 
Gr. näher an G. gerückt, und auf der gegenüber liegenden Seite roth (R.) 
sich in ein röthliches violett (oder zu B. ) neigt, so ist B. ins rothe 
lim eben soviel hineingerückt, als Gr. dem Blauen entzogen wurde. 



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B 



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Fig. 6. 


\g. 


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Zugleich ist hier noch anzumerlten, dafs in demselben Verhältnisse 
des gleichseitigen Dreyeclies, welches B.G. und R. gegen einander beweisen, 
und wie diese dreye sich im Miltelpunctc auflöäen , sich auch alle, in dem 
ganzen Umcreise , in einem gleichseitigen Dreyech gegen einander stehenden 
Mischungen auf dieselbe Weise gegen einander verhalten. Denn Gr. und O. 
werden sich, da in beyden G. sowohl mit B. als mit R. zu gleichen Theilen 
wirht, durch ihre Vermischung in ein gelbliches grau verwandeln, 
welches sich zu gelb (G.) verhalten wird, wie der Punct a. (Fig. 7.) 
zu dem Mittelpunct g. Welcher Punct a. eben soM'ohl das Mittel der 
Linie Gg ist, als sich daselbst die Qualität G. in der Vermischung 
von Gr. und O. in doppelter Quantität oder Kraft befunden hat, wie B. und R. 
jedes einzeln. Es wird also, wenn zu Gr. und O. noch V. hinzultommt, 
das Gleichgewicht von B. G. und R. wiederhergestellt. Eben so verhält es 
sich mit jedem gleichseitigen Dreyecke, welches der Peripherie anzulegen 



Bs 



12 — 

möglich ist; das Product desselben wird immer die totale Auflösung aller 
farbigen Erscheinung seyn. 

Wir scliliefsen nun: da weifs (W.) in gleicher Differenz mit jeder 
der drey Farben B.G.R. und in gleicher Neigung zu allen dreyen stehet, und 
da schwarz (S. ) in gleichem Verhältnifs sich befindet: so sey irgend ein Punct 
der Neigung beyder Pole zu einander auf der ganzen Linie WS , und unter 
diesen auch der Mit telpun et g. eben dieserLinie, für sich ebenfalls in 
gleicher Differenz mit jedem der drey Farbcnpuncte B.G.R. und in gleicher 
Neigung zu allen dreyen zu setzen. 

Da ferner die drey Farben B. G. R. in gleicher Differenz mit W. und S. 
und in gleicher Neigung zu eben diesen stehen; so mufs auch der Mittel- 
punct g. der Farbenscheibe, in welchem jene dreye ihre Individuali- 
täten durch gleiche Wirksanxkeit eingebüfst haben , in gleicher Neigung zu 
W. wie zu S. und in gleicher Differenz mit eben diesen stehen. Folglich, 
da diese bcyden Puncte g. (der Mittelpunct von W. imd S. und der Mittel- 
punct des Dreyechs BGR) schon mathematisch angesehen in eins zusammen- 
fielen, gehet izt, dafs beyde nur einer und derselbe se\Ti Können, 
auch aus der gleichen Neigung in demselben zu allen fünf Elementen, 
durch die gleichmiifsige Wirksamkeit derselben in diesem Puncte, hervor j 
so wie aus der gleichen Differenz eine vollliommene Indifferenz; in 
welcher alle individuelle Qualitäten sich aufgelöset haben, und also nur 
die blofsen Quantitäten ihrer materialen Substanz, in einer Summe 
übrigbleiben können. 



— 13 — 

Dieser Punct ist also, da er in gleicher Differenz mit allen fünf 
Elementen steht, als der allgemeine Mittelpunct von allen anzusehen, 

■w 




Alle Mischungen , welche aus der Neigung irgend eines Punctes von 
dem ganzen Farbencreise in weifs oder in schwarz hervorgehen, (eine 
Neigung die allen diesen Puncten gemein ist) werden sich in allmähligen 
AbstufFungen nach W. und nach S. verliehren; und müssen, (da alle nur 
das Product je zweyer reiner Farben sind, und sich als solche blofs zu 
weifs oder zu schwarz neigen) als ganz frey von Zumischung einer 
dritten Farbe gedacht werden. Sie sind also in jedem Puncte ihrer Neigung 
in derselben Differenz von dem Mittelpuncte g. als der Zusammenwirliung 
dreyer Farben, (oder vielmehr als der Nichterscheinung aller Individualität 
der Elemente, im Gegensatze von der deutlichen Zusammenwirliung und 
Erscheinung in den ebengedachten Mischungen) und bilden mithin, da die 
Differenzen aller Puncte ihrer Neigungen (zu W. oder S. ) mit dem Mittel- 
puncte g. Radien ausmachen , lauter in die Pole W. und S. ablaufende Bogen- 



— 14 — 

linien oder Quadranten. Wodurch denn das ganze Verhallnifs aller fünf 
Elemente zu einander, durch ihre Differenzen und durch ihre Neiüungen. 
die vollkommene Kugelfigur formirt; deren Oberfläche alle fünf Elemente, 
und diejenigen Mischungen derselben enthält, welche in freundlicher 
Neigung der Qualitäten zu einander erzeugt werden; und nach deren Mittel- 
puncte zu , alle Nuancen der Oberfläche in gleicher Stuffenfolge sich in ein 
völlig gleichgültiges grau auflösen: in Verhältnissen, wie ferne sie mit 
gleicher oder ungleicher Wirhsamheit der gesammten Elemente sich berülirt 
haben. So wie überhaupt in jeder Bildung, die Gröfse aus der Differenz, 
und die Form aus der Neigung der Elemente zu einander, hervorgeht. 

Man wird izt, wenn man sich die Farbenkugel (wobey die 
gedoppelt beygefügte Abbildung, von dem weifsen, wie von dem schwarzen 
Pole herabgesehen, zur Vergleichung dienen möge) von der Oberfläche bis 
zum Mittelpuncte in gleichmäfsiger "Wirksamkeit durchdrungen vorstellt, 
die gleichfalls hiebey abgebildeten beyden Scheiben, die eine als einen 
Durchschnitt im Aequator (als die Farben s chcibe,) die andere aber 
durch beyde Pole geführt (in der Pachtung, dafs im Aequator roth und 
grün (R. und Gr.) die beyden Endepuncte des Diameters ausmachen) zu 
erkennen im Stande seyn. Wie ich denn auch nicht zweifle, dafs man 
nach diesem Schema , sich die auf willkührliche Weise zwölffach ein- 
getheilte Oberfläche leicht als einen völligen Übergang wird denken 
können. 

Leicht ist nun einzusehen, dafs auf gleiche Weise jeder Ab- 
schnitt, welcher parallel mit dem Aequator geführt würde, in dem- 



— 15 — 

selben "Verhältnifs einen s cli warzgrauen Mittelpunct zeigen müfste, 
wie derselbe nach dem schwarzen, so wie einen weifsgrauen, wie er 
nach dem weifsen Pole hin geschähe. 

So würden auch in allen Durchschnitten durch die Pole, welche 
im Aequator die Richtung eines verschiedenen Diameters zeigten, auf 
die gleiche Weise sich die Farben beym Zutreffen auf die Linie WS m 
grau zerstören. 

Man wird sich nun eben so wenig irgend eine Nuance, welche, 
durch Vermischung, aus den fünf Elementen hervorgegangen wäre, den- 
ken können, welche nicht in diesem Verhältnifs berührt oder enthalten 
wäre, als man sich eine andere richtige und vollständige Figur für das 
Ganze dieses Verhältnisses wird vorstellen können. Und da jede Nuance 
zugleich in ihr richtiges Verhältnifs j zu allen reinen Elenienten wie zu 
allen Mischungen gestellt ist, so ist diese Kugel als eine General- 
tabelle zu betrachten, wodurch derjenige, welcher zu seinem Geschäfte 
verschiedener Tabellen bedürfte, sich immer wieder in den Zusammen- 
hang des Ganzen aller Farben, zurechtfinden könnte. Wie es denn izt 
dem Aufmerksamen einleuchten mufs , dafs sich auf einer ebenen Fläche 
keine Figur zu einer vollständigen Tabelle aller Mischungen finden 
könne; indem sich das Verhältnifs nur cubisch nachweisen läfst. 



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Ein Versuch , die sinnliclien Eindrüclie aus den. Zusammenstellungen 

verscliledener Farben, mit dem vorhin entwickelten 

Schema zir reimen. 



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1. 



"Vorzüalicli bey Betrachtung der Scheibe, welche den Durchschnitt der 
Farbenkuo-el im Aequator darstellt, und indem man sich erinnert, dafs alle 
einander auf derselben grade gegenüber liegenden Farben , als Kräfte anzu- 
nehmen sind, welche einander entgegenstehen, und sich durch ihre Ver- 
mischung zerstören in grau, wird man bemerhen müssen, dafs, w«nn man 
diese sich ent'^eo'eno'esetzten Farben auf einer Fläche neben einander hinstellte, 
solche eben daher die allcrlebhaftesten Contraste bilden werden. Zugleich 
aber macht diese Gegeneinanderstellung einen sehr angenehmen Eindruck 
Man vergleiche auf imserer beygelegten Farbentafel Fig. i. blau mit orange, 
2. gelb mit violett, 5. roth mit grün. 



2. 



Der Eindruck aber wird sehr verschieden , wenn man wie Fig. 4. blau 
mit gelb, 5. gelb mit roth, und 6. roth mit blau, zusammenstellt. 
Diese Zusammenstellung wird das Auge mehr reizen und auffordern, als 
demselben "Vergnügen gewähren. 

Würde man nun roth mit violett, violett mit blau u, s. w. paaren, 
oder die Farben alle so neben einander stellen, wie sie an der Scheibe (im 
Farbencreise, oder auch im Regenb o gen) auf einander folgen, (Fig. 7.) 

Ca 



20 

SO entsteht, auch bey der schönsten Lebhaftigkeit der Farbe, eine Eintö- 
nigkeit. 

4'. 
Die erstere Zusammenstellung, Von entgegengesetzten Farben, ist 
harmonisch zu nennen. 

5. 
Die zweyte Zusammenstellung, von den drey reinen Farben, dis- 
harmonisch. 

6. 
Die dritte Zusammenstellung, von den Farben in der Folge welche 
sich an der Farbenscheibe, oder im Regenbogen befindet, monoton. 

7- 
In dem ersten Falle mufs eine Beziehung liegen auf das, mit welchem 
alle Farben in Beziehung stehen ; und diese Beziehung zweyer Farben , auf 
das eine zu welchem das Verhältnifs allen gemein ist, ist die Harmonie. 

8- 
Im zweyten Fall mufs eine individuelle Wirksamheit von zwey völlig 
verschiedenen Kräften aufeinander statt finden; welches Disharmonie ist. 

9- 

* 

Und im dritten Falle müssen blofs die beyden neben einander gestell- 
ten Farben mit einander in Beziehung stehen, ohne die allgemeine Beziehung j 
welches Monotonie ist. 

10. 

AVenn man drey Farben oder gefärbte Felder , so aufeinander folgen 



— 21 

läfst, wie Flg. 8- blau, grau, roth; so ist grau als ein Zwischensatz zu 
betrachten, welcher die beyden Gegensätze blau und roth verbindet, und 
beruhigt; indem grau der Punct ist, zu welchem alle Farben des ganzen 
Creises in gleicher Beziehung stehen. 

Ji. 

Wenn man aber, wie Fig. 9. blau, gelb, roth auf einander folgen 
läfst, so steht gelb, als Zwischensatz oder Verbindung betrachtet, eben so 
isolirt in seiner individuellen Wirhsamkeit, als blau und roth. Ja man 
möchte sagen, eine jede von diesen drey Kräften sucht den Uebergang, durch 
welchen sie sich mit der benachbarten verbinden möchte; der Streit wird 
also nur vermehrt, und es bleibt ein disharmonischer Effect. *• 

12. 

Und wenn man die Folge Fig. 10. von blau, violett, roth, 
hinstellt, so bezieht sich zwar blau, wie auch roth, auf den Zwischensatz, 
indem violett beyde in sich vereinigt. Allein violett ist nur der Beziehungs- 
punct dieser beyden, nicht aller übrigen Farben, und zieht solche, anstatt 
den allgemeinen Beziehungspunct ahnden zu lassen, blofs in sich zusammen; 
daher ist die Wirkung monoton. 

Man erinnere sich, dafs zwey neben einander gestellte Farben , wenn 
sie vermischt werden , entweder feindselig auf einander wirken , oder sich 
freundschaftlich zu einander neigen; oder drittens, sie vereinigen sich 
productiv, und verliehren sich beyde in ihrem Producte. 



»<• 
Das erste ist der Fall mit rolh und grün, welche sich durch ihre 
Vereinigung vernichten in grau. 

15. 
Das zweyte mit roth und orange, welche sich in einander ziehen 
und neigen. 

16. 
Das dritte mit roth und selb, w^elche durch ihre Vermischuns orange 

*- ' DD 

erzeugen, und in demselben ihre Individualitäten vereinigen. 

17- 

• Durch einen Zwischensatz nun von grau , da es der Gegensatz aller 

t 
Individualität, und die eigentliche Allgemeinheit ist, wird insoferne eine 

harmonische Verbindung zu wegc gebracht vi^erden , da die Individualität 

einer jeden reinen Farbe oder Mischung mit derselben im Contraste stehet; 

die Individualität also stärker und beruhigter hervortritt, und zugleich doch 

alle in gleicher Beziehung zur Allgemeinheit stehen. 

13- 
Wenn man hingegen rolh mit blau durch violett verbindet, so 
erscheint beydes , roth wie blau, nur als die beydtn Seiten des violetten, 
indem ja roth wie blau, mit violett nicht blofs wie mit grau in Beziehung 
stehen, sondern im violetten vereint wirksam sind, und auch so erschei- 
nen. Roth und blau werden also durch die Zwischenstellung von violett 
an ihrer individuellen Erscheinung und Kraft einhüfsen. 



— 23 — 

Ein jeder wird die Bemerkung gemacht haben, dafs zwcy hart an 
einander abschneidende Farbenflächen, wenn wir sie aus einiger Entfernung 
ansehen, auf der Gränze etwas in einander fliefsen. Am besten wird man 
diese Erfahrung sich zu eigen machen bey Mosaicbiklern , oder gewirkten 
Tapeten, wo die Mischungen durch neben einander isoJirt stehende Puncte 
oder Linien hervorgebracht werden , die durch Entfernung in einander 
fliefsen. (Ob dieses nun durch die zwischentretende Luft geschieht, oder 
dadurch, dafs die von den verschiedenen Farben in unser Auge dringenden 
Strahlen, sich in demselben creuzen, davon ist hier die Rede nicht.) 

20. 

Durch dieses Ineinanderfliefsen aber entsteht ein Zwischensatz von 
selbst; und leicht ist einzusehen, dafs wenn ein blaues Feld an einem gelben 
abschneidet, sich durch das Ineinanderfliefsen auf der Granze ein grüner 
Rand zeigen wird. 

Stellte man nun grün und roth zusammen, so wird grau auf der 
Gränze bemerkbar werden. (Man kann dieses am deutlichsten darthun, wenn 
die Flächerf sich in Winkeln gegen einander neigen , so dafs die eine Farbe 
an die andere reflecliret. Wenn ein Gewand grün und roth changeant ist, 
und die beleuchteten Stellen etwa alle roth erscheinen , die Schatten aber 
grün, so wird die eine erleuchtete Falte in dem" Schatten der andern graue 
Reflexe zu wege bringen. ) 



22. 

Da nun grau, welches sich zwischen rolh und grün zeigt, lieine 
Individualität, sonJem die .illgemeine Auflösung entgegengesetzter Kräfte 
ist, so liegt in dem Streite zweyer entgegengesetzten Farben schon von selbst 
die Harmonie, nämlich die Beziehung auf die Allgemeinheit. 

23. 

Hingegen der zwischen blau und gelb eintretende grüne Uebergang, 
stört, als eine neue Individualität, die Wirkung des blauen wie des gelben, 
indem die ganze Individualität derselben für ihr Product in Anspruch genonx- 
nien wird. Es mufs also, da grün (auf Avelches gelb und blau mit ihrer 
ganzen Kraft dringen ) nicht bestimmt erscheint, eine Unruhe in den beyden 
reinen Farben nothwendig erfolgen; und die Unruhe in dieser Zusammen- 
stellung ist wirklich eine Dissonanz, -welche durch einen bestimmten Zwi- 
schensatz aufzulösen ist. (Auch hat man, im Gefühl dieses Verhältnisses, 
eine solche disharmonische Zusammenstellung immer gewählt, w^o das Auge 
niehr gereizt und aufmerksam gemacht, als vergnügt Averden sollte,, z. B. 
bey Monturen, Flaggen, Wappen, Spiclchartcn u. s. w. ) 

24. 

Ueberlegt man, dafs alle Farben, welche vermischt sich in ein völliges 
n-rau auflösen, einen lebhaften und harmonischen Contrast bilden; dafs die 
reinen Farben durch ihre Zusammenstellung, als eine Dissonanz das Auge 
heizen; die monotonen Uebergänge im Regenbogen den Sinn am rulugsten 
assen; so wird man sich vorstellen können, dafs eine verständig gewählte 
Zusammenstellung von lauter brillanten Farben, ohne dafs es nöthig wäre 



— 25 ~ 

die Folge derselben durch giaue und sclinrutzige zu unterbrechen, wegen 
eben dieser Eigenschaften geschiciit ist, in die Bedeutsamheit und den 
Eindruck eines Kunstwerks einzugreifen j wie die Töne der Music in den 
Sinn und den Geist eines Gedichts, 

25- 
So wie man die Gröfse der harmonischen Conlraste auch noch durch 
eine Neigung beyder Theile, des einen ins dunkle, des andern ins helle 
vermehren kann, und solche dennoch immer in Beziehung auf den Mittel- 
punct (grau) bey ihrer Wirkung auf einander bleiben, so giebt es auch in 
diesen Contrasten Uebergänge, wo die Beziehung auf den Mittelpunct sich 
in irgend eins Farbe neigt. Wie Fig. ii. orange mit grün; oder 11. mit 
violett; oder auch 13. violett mit grün: indem orange mit grün ver- 
mischt ein gelbliches grau geben würde; orange mit violett ein 
röthliches; und violett mit grün ein bläuliches. Wie durch die 
siebente Figur bey der Construction der Farbenkugel bewiesen wurde. 

26. 
Wenn man mm zwey reine Farben durch einen grauen Zwischensatz 
gewissermaafsen verbindet oder beruhiget, indem dieser als das allgemeine 
der Farbe mit der Individualität jener im Contrast stehet, und sie also in 
ihrer ganzen Wirksamkeit erhält; so füllt der Zwischensatz zwar eine Lücke 
aus, und trennt die beyden Farben; bringt aber keine eigentliche har- 
monische Verbindung zu stände, da in ihm die Individualität völlig aufge- 
hoben ist, also auch alle active Erscheinung. 



D 



— 26 

27. 
Hingegen, v/ell orange und grün bey einander einen harmonischen 
Contrast bilden, so wird man in der Folge Fig. 14. von blau, orange, 
grün, roth, zwey reine Farben durch den Zwischensatz von einem har- 
monischen Contraste (orange und grün) mit einander zu eigentlicher 
Harmonie verbinden können, wenn grün neben roth, und orange neben 
blau zu stehen liommt. Dieser Accord enthält die volle individuelle "Wirk- 
samkeit der drey Farben; die Dissonanz ist aufgelöset, und die Eintönigkeit 
vermieden. Dasselbe erfolgt, wenn Fig. 15. gelb, violett, orange^, 
blau; und Fig. i6. roth, grün, violett, gelb, abwechseln. 

28- 

Wenn man bey Betrachtung dieser drey Folgen, auf die siebente 
Figur zur Construction der Farbenkugel zurückgeht, wird man nicht ohne 
Vergnügen gewahr werden, wie die Ordnung in welcher hier je zwey 
Farben und zwey Biischungen stehen , ein regelmäfsiges Resultat aus dem 
gesammten Verhältnifs auf der Scheibe ist. Denn wir haben hier zwey reine 
Farben, (z. B. Fig. 14. blau und roth) und der Conlvast durch] welchen 
diese verbunden sind (orange und grün) erweckt die Ahndung der dritten. 
Es v/ürde aus der Vermischung von orange und grün ein gelbliches grau 
(d. h. die Neigung des allgemeinen Mittelpunctes zur dritten Farbe, gelb) 
entstehen; vmd so läfst auch der blofse Anblick uns auf gelb, als den gemein- 
sthaftllchen Character von orange und grün verfallen. 

29. 

"Wer da welfs, wie Dissonanz, Harmonie, und Monotonie, in einem 



— 27 — 

Kunstwerk dahin gehören, wo sie durch den Sinn der Composition erfor- 
derlich sind, der wird es diesen wenigen Bemerkungen ansehen, dafs ich 
durch dieselben nur einen Anknüpfungspunct suchte, um zu zeigen, wie 
die nothwendige Construclion der Farbenkugel, dieses und noch viele andere 
Verhältnisse an die Hand giebt. So wie die scheinbare Trivialität solcher 
Bemerkungen, nur bey der Prätension bestehen könnte, als sollte hier eine 
vollständige Theorie der mahlerischen Harmonie gegeben werden; welches 
doch so wenig der Fall ist, als ich meinen Aufsatz überhaupt für eine neue 
Farbentheorie auszugeben gemeynt bin. 

Da die Kugel aber die nothwendige Figur ist, welche die Con- 
struction des Verhältnisses der fünf materiellen Elemente: weifs, 
schwarz, blau, gelb, roth, zueinander, umfasst, so möchten sich 
durch diese gefundene Figur, in der Folge vielleicht die reinen Einsichten 
in die innere Natur dieser Erscheinung bestimmter ausdrücken lassen. 



^■«^iSSas 



Ueber die Bedeutung der Farben in der 

Natur. 



9e«©l€S<^ee» 



Von Hrn. Prof. Steffens, 



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•'S««*'''^®©**^^«''''^,«®**^»«.*'*''^*»*«*'^?- 



In den Farben spielt der zarteste Geist der Natur, und indem sie hier leicht 
aufgetragen, leicht wechselnd, mannichfaltig spielend, dort festgehalten, 
gleichsam erstarrt erscheinen, zeigen sie, im Lebendigen wie im Todtcn, 
bestimmte Richtungen und wechselnde Spiele eines höhern Lebens, das wir 
zwar schauen, aber kaum in den schnellen Wendungen des vielfachen Wech- 
sels verfolsren können. Was sich dem siöbern Sinne als ein Getrenntes zeiirt. 
wird durch die Uebereinstimmung der Farben in eine höhere Einheit aufüe- 
nommen, und was Eins zu seyn scheint, tritt, durch schnellen Wechsel, 
reizende Uebergänge der Farben, in einem zarten Leben, sich Icbendif^ 
spielend entgegen. 

Schon frühe aluidete man die innige Verwandtscliaft der Farben mit 
dem Lichte, und, wenn es uns Mar geworden ist, dafs die schaffende und 
geistige Thüaglteit der Erde sich kcinesweges in sinnlosen und verworrenen 
Producfioncn darstellt, so liegt uns die Ansicht nalie, dafs sich das Licht in 
^en Farben am reinsten spiegelt, wie die Seele in ihren Gedanken, und dafs 
sie die heitersten und geistigsten Aeufscrungen grofser und tiefer Naturideen 

Es 



— 32 — 

seyn mögen. Denn, wie in den Toren sich eine innere Welt, voll Ueber- 
einstimmung und Leben entfaltet, in welche alle Formen des Daseyns auf- 
gelöst und dem innerri Sinn wieder erzeugt v/erden, so scheint auch dem 
Gesicht eine höhere und geistigere Ansicht aller Verhaltnisse des Daseyns mit 
den Farben eröfnet zu seyn. Nur dafs die Töne, auch wo die bestimmte 
Richtung mit der Sprache verschwindet, und sie sich wechselnd, einander 
innig ergreifend, in die unendliche Melodie verlieren, sich in das Gefühl ganz 
auflösen, und uns so mit unserm innersten , eigensten Daseyn inniger verwandt 
dünlien; während das Schauen sich in die Unendlichkeit der Welt verliert, 
und der Mittelpunct der Harmonie der Farben aus den innersten Tiefen der 
ganzen Schöpfung zu entspringen scheint. So erscheinen uns die Töne zwar 
nicht begreiflicher, aber naher, die Farben zwar nicht fremder, aber 
entfernter. 

Mit der Sprache l^elmt Verwirrung mancherley Art. Die Sprachen 
trennen sich selbst unter sich und in sich, Besriffe stehen streitend gegen 
Begriffe auf, und wechselseitige Zerstörung und Widerspruch scheinen dem Blicke 
die höhere Einheit des Lebens zu verbergen. Aber über der Sprache steht, fils 
der innere Geist derselben, die Musik, in welcher die Töne, wie heitere, 
jugendliche Geister, im frischen Kampf sich inniger verbinden ,• Krieg und 
Frieden sich ewig vermählen, ein jeder die übrigen ergreift, das Schwerste, 
seiner Natur gemäfs, leicht nimmt, das Heiligste spielend verschenkt und 
tändelnd M'ieder erwirbt. So die Farben in der Natur. Während die Dinge 
sich bekämpfend und zerstörend entgegentreten , scheinen sie im lichten 
Tanze die Zerstörung selbst zu feyern. Nicht mit dem Leben allein verbinden 



03 

sie sichj aus der Verwüstung, aus dem Zerfallen treten sie scherzend 
hervor, und ein leichtes, buntes, lebendiges Farbenspiel scheint oft das 
heitere Grablied des Unterganges zu seyn. 

Und doch waltet in diesem freyen, leichten Leben der Farben und 
Töne ein strenges Gesetz, wie überall das Gesetz am reinsten hervortritt, 
wo die Freyheit am frischesten und fröhlichsten gedeiht. 

Dieses Gesetz in seinen Hauptmomenten zu ergreifen, ist das Geschäft 
der Naturforscher. Leider schien es mehr die Absicht es zu erldiiren , als es 
in seiner Darstellung einfach zu erkennen. Und dieses Schädliche hat jede 
Erklärung, welche als ein Anknüpfungspunct an ein Aeufseres , aus welchem 
das Erforschte , selbst seinem Wesen nach entspringen soll, sich zu ihm wie 
eine Wirkung zu ihrer Ursache verhaltend, alle lebendige Eigenthümlichkeit 
des Erklärten aufhebend, es in einen Schatten eines andern verwandelt, dafs 
sie uns mit dem nichtigen Besitz eines blofs erträumten , wunderbar zu 
täuschen vermag. Obgleich die Naturforscher, wie alle Menschen, wenn 
man verjährte Vorurtheile angreift, in Zorn zu gcrathen pflegen — und bey 
derjenigen Ansicht die der herrschenden Erklärung der Farben widerspricht 
nicht mit Unrecht, indem sie die nicht zu berechnenden Folgen, durch ein 
richtiges Gefühl geleitet, zu ahnden scheinen — so wird es dem Unbefangenen 
doch immer klar bleiben, dafs Newtons Erklürujiir der Entstehuns; der 
Farben, durch die blinde Annahme und feste Anhänglichkeit an dieselbe, als 
an eine reine, untrügliche Naturthat, einen schädlichen Einüufs auf die 
AVissenschaft geäufsert hat. Goethe n verdanken wir bekanntlich die Ansicht, 
die uns einen lebendigen Gegensatz in den Farben erkennen liefs. . Es liefs 



— 34 — 

sich vorausselicn , dafs die Naturforschei-, die die lebendigen , zarten Ver- 
hältnisse der Farben in einer engen Erklärung zu fesseln gewufst hatten , aucli 
die Thatsachen, die Goethe aufstellte, zu erklären wissen würden. Denn 
das Eigene hat die Erklärung, wie der alles auf Verhältnisse des Erscheinenden 
reducirende Verstand im liCben und Handeln überhaupt, dafs sie alles mit 
leichter Mühe, das höhere Problem nicht ahndend, in ihren Kreis hinein- 
zuziehen, das Fremde aber durch leichte Handgriffe zu sublimiren, und so 
zu entfernen weifs. ^Yir überlassen dem Stifter der neuen Ansicht, der 
sie wohl allein in ihrer ganzen Fülle durchschauet hat, diese weiter und 
in allen ihren Zweigen erläuternd auszuführen, so wie die herrschende 
scharf prüfend zu widerlegen, und wenden uns zu den Bemühungen des 
Freundes , die wir mit eignen Betrachtungen zu begleiten entschlossen sind. 

Am reinsten erkennen wir ohne Zweifel das Gesetz der Farben in 
der Kunst. Denn in der ordnenden und schaffenden Seele des Künstlers 
mufs das Gesetz der Harmonie der Farben heimisch seyn und bestimmend 
hervortreten. In der Kunst sehen wir daher am deutlichsten , ^vas sich sucht 
und flieht, was sich widerstrebt imd versteht, was sich aufhebt und wech- 
selseitig unterstützt. Denn mit ihrer ganzen Naturbedeutung tritt die Farbe 
in der Kunst auf, und der tiefe Eindruck, den ein wohlgewähltes Colorit 
auf uns macht, entsteht daher, weil die Sprache der Natur in eine Sprache 
der Liebe verwandelt wird, ohne dafs jene ursprüngliche, tiefe Naturbe- 
bedeutung verschwindet. Aber eben weil in der Kunst die höhern Verhältnisse 
der Farben am reinsten hervortreten, wird sie nothwendig die Lehrerin 
der Naturforscher , die sich an der reinsten Darstellung des Eigentliüailichen 



35 — 

am meisten ergötzen, und durch diese am vorzüglichsten zur Untersuchung 
ecreizt werden. Die Bcmühuniien eines denlxcnden Künstlers Können uns 
daher keineswegcs gleichgültig seyn , und sie müssen uns um so wichtiger 
erscheinen, je mehr er sich vor der herrschenden Richtung der Naturwis- 
senschaft bewahrt, und je reiner und unbef' ngener er sich an den eigen- 
thümlichen Standpunct seiner Kunst festgehalten hat. 

^Ycr in diesem Sinne Naturforscher ist, dem werden die Bemühungen 
unsers Fi-eundes, nicht nur für die Kunst, sondern auch für die Wissenschaft 
sehr wiclitis; erscheinen. Denn eben die unbefansenc Art der Darstellung;, 
die nichts zu erldaren, nur einfach zu ordnen sucht, die nirgends über ihre 
Grenze geht, die innere Fülle des Eigenthünüichen aber wohl zu schätzen 
weifs, hat eine grofse Klarheit und Strenge in dem Ganzen hervorgebracht, 
so dafs sich alles wechselseitig trägt und unterstützt. Auch die Eigenthüm- 
lichlicit der Ansicht und der Dai'stellung A^ird ihm niemand ableugnen können. 
Aus keiner der bekannten Ansichten der Farben ist diese entstanden, imd 
selbst Goethe 's Bcyträge, die zwar durch sie sehr bestätigt werden., haben 
nur geringen Antlieil an der Richtung seiner Betrachtung. Eben so wenig 
■wird, man seine Bcmühun2;en mit Leonardo da Vincis, Schäfer's, 
Schiff ermüller's, Lambcrt's, Mayer's oder Li ch tcnb erg's zu- 
sammenstellen, oder durch diese als überflüssig ansehen. Merkwürdig ist 
es aber, dafs die Darstellung unseres Freundes, was wir, obgleich unbekannt 
mit Goethe 's ferneren Bemühungen, wissen, mit diesen aufs genaueste über- 
einstimmt. Man glaube nicht-, dafs er alles gegeben hat, v, as er zu geben 
vermochte. Wir selbst sind, theils durch mündliche, theils dmxh schriftliclic 



— 36 — 

Mittheilungen im Besitz mancher Erläuterungen und höherer Ansichten, die 
dasieni^^e, was hier einfach dargestellt ist, an das Höchste und Tiefste der 
Kunst anlmüpfen, und sich an seine gröfseren und vielseitigeren Bemühungen 
bedeutungsvoll anschllefsen. 

Indem wir ims aber entschlossen haben, die Darstellungen des 
Freundes mit einigen Betrachtungen zu begleiten , dünkt es uns am schiclv- 
lichsten, was er auf seine Weise gefunden hat, durch eine Untersuchung 
auf unserm "Wege zu bewähren; vt^as uns um so leichter wird, indem eine 
ähnliche Ansicht uns lange, durch die Natur uns aufgedrungen, leitete, 
so dafs dasjenige, was wir auf ganz verschiedenem Wege gefunden, ohne 
unsere Bemühungen wechselseitig zu liennen , in einem gemeinsamen 
Mittelpunct die nehmliche Deutung annimmt. 

Bey der Ausführung unseres Vorhabens zeigten sich indessen 
"bedeutende Schwierigkeiten , und manches, was uns die Ahndung zu verspre- 
chen schien , wollte uns die wirldiche Untersuchung keinesweges gewähren. 
Wir bekennen daher, dafs wir nur weniges zu leisten vermögen. Unsere 
Absicht war nehmlich , der Bedeutung der Farben in der Natur, dem Zusam- 
menfallen derselben mit eigcnthümlichen Funr.lionen nachzuspüren. Obgleich 
nun was v>ir durch eine einfache Darstellung der Thatsachen zu geben im 
Stande sind, mit der Ansicht unsers Freundes auf eine überraschende Weise 
übereinstimmt, so dürfen wir uns doch keinesweges rühmen, den Gegen- 
- stanä erschöpft, ja nur die erste sichere Grundlage mehr als angedeutet zu 
haben. Was wir hier zum Voraus erinnern müssen, damit man uns nicht 
beschuldige, dafs wir einen so wichtigen Gegenstand leichtsinnig behandelt, 
oder wol gar die Gröfse des Themas verkannt haben. 



•— 57 — 

Zuerst wird sich die Untersuchung zur Betrachtung des Weifsen und 
Schwarzen wenden müssen, um, so viel möglich, die Bedeutung derselben 
zu erforschen. Denn wenn gleich beyde nicht eigentlich Farben genannt 
werden können, so erscheint dieser Gegensatz doch als der gemeinschaftliche 
Träger der sich lebendig bewegenden und entgegengesetzten Farben. Nun 
fällt es einem jeden auf, dafs die weifse Farbe mit dem Hellen, die schwarze 
aber mit dem Finstern in einer genauen Verbindung steht, und wenn man 
auch weifs imd hell , schwarz und dunkel, nicht als dasselbe betrachten kann, 
so ist der Unterschied doch nur darin zu suchen, dafs das Helle und Finstere 
mehr allgemein, das Weifse und das Schwarze aber an bestimmten Körpern 
fixirt ist, so dafs das Weifse, als der an den Körpern fixirte Tag, das 
Schwarze aber, als die auf die nehmliche Weise fixirte Nacht angesehen 
werden kann. 

Der Tag aber zeigt sich, bey der allgemeinsten Betrachtung, als 
das Sondernde der Erde. Der Planet .lebt dann nur in sich. Für die 
Betrachtung — die mit dem Leben eins ist — schwinden die allgemeinern 
Verhältnisse zum UniA'erso, und wie die Erde im Ganzen gesondert ist, 
sondert sich auch alles auf ihr. Die besondern Körper treten , als solche, 
gegen einander, das lebendige tritt, in sich lebend, energischer hervor. 
Die Nacht aber ist das Hervortreten allgemeinerer Verhältnisse, die Erde 
verliert sich in die Unendliclikeit des Universums , das Leben tritt, im Ganzen, 
zurück, und die gesonderten Körper deckt die allgemeine vereinigende 
Finsternifs. Aehnliche Verhältnisse nun lassen sich beym Weifsen und 
Schwarzen aufweisen. 

F 



— 38 — 

Der Verbrcnnungspiocefs ist das Sondernde der Erde, alle verbrenn- 
lichen Körper aber können als solche angesehen werden, die, mehr dem 
Allgemeinen angehörig, für jede Sonderung empfänglich sind. Die Natur- 
forscher haben gelernt jenen Sonderungsprocefs auch in seinen zarteren 
Regungen zu verfolgen, und wir wissen, dafs der Sauerstoff der Chemiker 
eine solche Richtung des Körperlichen angiebt, die so durchaus in die Gewalt 
der sondernden Thiitigkeit versunken ist, dafs er, in der Erscheinung, für 
das Princip derselben gelten kann. Den ihm entgegen gesetzten Wasserstoff 
kann man, aus einem älinlichen Grunde, als das Princip der Verallgemei- 
nerung betrachten. 

Die Veränderung eines Körpers , durch welche er, melir oder weniger 
energisch, von der Richtung des Sauerstoffs, (die Oxydation), oder die ilir 
entgegengesetzte, durch welche er von der Richtung des W^asserstoffs ergriffen 
wird, (die Hydrogenisation), kann auf eine universellere Weise, als blofs 
Rufserlicher Gegensatz, gleichsam als todt, und auf eine individuellere 
Weise, als lebendig, betrachtet werden. Nun ist unsere Behauptung, dafs 
das Weifsc, Graue und Schwarze die ersten universellem Veränderungen, 
das Rothe, Gelbe und Elaue die zweyten individuellern geben, so dafs das 
Weifse und Schwarze sich zu den eigentlichen Farben wie die anorganische 
Natur zur organischen verhält, und eben daher die allgemeinen Träger der- 
selben sind, welches Avir erstlich von dem Weifsen und Schwarzen uns zu 
beweisen bemühen werden. 

Die Metalle , die in beyden Richtungen bewegt werden können, sehen 
wir mit einer herrschenden grauen Farbe, denn selbst, wo in der Metallreihe 



— 59 — 
sicli das Faibenbild zu ro^en anfangt, indem nehmlich das Kupfer, alc ein 
contrahirtcs und mehr gesondertes Metall , roth erscheint, das Bley, als ein 
expandirtes und mehr universelles , blau , und das in der Mitte stehende Gold, 
gelb, ist die Farbe doch nur bey dem letztern vollkommen rein, und vermag 
sich bey den übrigen aus dem herrschenden schmutzigen Grau nicht heraus 
zu arbeiten. 

Sobald aber die Metalle in irgend einer Richtung der Sonderung oder 
Verallgemeinerung gefangen sind, so sehen wir sie sich in Farben mancherley 
Art verlieren, und zwar vor allem auf der Seite der Oxydation, weil diese 
häufiger, w^echselnder, energischer hervortritt. 

Nun ist in der That die herrschende Farbe derjenigen Metalle die in 
die Gewalt der universellem Richtung gerathen, die schwarze, wie uns die 
galvanischen Versuche lehren. Alle sogenannten Hydrures des Silbers, dos 
Bleyes, des Kupfers u. s. w. die bekannt sind, sind schwarz. Auch der 
Schwefel, der, wie die Metalle, in bcyden Richtungen der Oxydation und 
Hydrogenisation bew-eglich ist, erscheint, mit Wasserstoff verbunden, 
schwarz. Hierher können ^-s'ir nun auch die schwarzen sch\vefelhalti<i:en 
Niederschläge der Metalle rechnen, die hydrogener Natnr sind, als: das 
schwarze schwefelhaltige Quecksilber, oder der mineralische Mohr, das 
schwarze schwefelhaltige Kupfer, das durch schwefelwasserstoffhaltiges Kali 
gefällt worden , das eben so gefärbte schwefelhaltige Eisen , auf die nehmlichc 
Weise gefällt, ferner das schwarze schwefelhaltige Bley und Nickel, endlich 
mit grofser Wahrscheinlichkeit die schwarzen Schw^felverbindungen des 
Wismuth xmd Kobalt, wenn gleich die Natur dieser Verbindungen, wie die 

^ F2 



-- 40 — 

des gelben schwefelhaltigen Urans, und des grünen denselben Stoff enthal- 
tenden Titans, weniger bekannt sind. 

Die erste allgemeine Anlage zur Oxydation aber ist mit einer weifsen, 
oder wenigstens hellen Farbe verbunden , M'ie die Beobachtung uns lehrt, wo 
es uns erlaubt ist sie zu betrachten. Bey den edeln Metallen nehmlich , die 
einer jeden Richtung widerstreben , indem in ihnen die Neigung sich in der 
eif^ensten Gestalt zu behaupten am stärksten ist, tritt die künstliche Anstren- 
gung, dui-ch heftig erhöhte Temperatur zu gewaltsam hervor, als dafs es uns 
erlaubt seyn sollte, die erste Anregung zu fixiren. Untersuchen wir aber die 
übrigen Metalle, so finden wir einige von der Art-j, dafs die erste Anregung 
der Oxydation von weifser oder wenigstens heller Farbe ist, welche Farbe in 
der Atmosphäre in eine dunklere verwandelt wird. So ist die leiseste Oxyda- 
tion des Kupfers, die die Kunst darzustellen vermag, mit einer hellen Orange- 
farbe verbunden, die sich nachher in eine blaugrüne oder dunkle verändert. 
Die leisen Anregungen zur Oxydation des Eisens, die sich in der galvanischen 
Säule zeigen^ beweisen, dafs Chenevix Recht hat, wenn er vermuthet, 
dafs die erste Farbe die weifse ist, auf Welche die grüne und endlich die 
schwarze folgt. Das Kobalt wird, wenn es rothglühend der Wirkung der 
Luft auso'esetzt wird, erst hell blau, dann immer dunkler, endlich schwarz, 
das IMa'^nesium aber, welches sich in der Luft sehr leicht verändert, erst 
"•rau. dann dunkelviolett, braun, und endlich schwarz. 

Durch die Verbindung mit Säuren treten bey vielen Metallen beweg- 
liche Momente hervor, -wo das Zusammenfallen der Oxydation n>it der 
weifsen Farbe auifallend und auch keincsweges den Naturforschern entgangen 



— 41 -^ 

ist, aber diese Beyspiele sind auch vorzüglich erläuternd für die Veränderung 
der hellen Metalloxyde. Das phosphorsaiire und blausaure Eisen bilden. 
Tveifse Niederschläge, die in der Luft blau werden, salpetersaures Silber ist 
grau und wird in der Luft schwarz, salzsaures Silber (Hornsilber) ist weifs 
und unterliegt der nehmlichen Veränderung. Von diesem letztern wissen 
wir, dafs diese Veränderung nicht unter jeder Bedingung, sondern nur im 
Hellen statt findet. Dasselbe gilt sicher von allen dunkler werdenden Metall- 
oxyden. Sonderbar genug sind die Naturforscher auf diesen Umstand bey 
den übrigen Oxyden nicht aufmerksam gewesen , nur der genau beobachtende 
Scheele bemerkt, dafs das gelbgrünliche Oxyd des Silbers im Lichte schwarz 
wird. Aber die hervortretende Schwärze ist eine Hydrogenisation , die das 
Licht in allen beweglichen Körpern hervorruft. So in den Blättern der 
Pflanzen , in der übersauren Salzsäure, in den lebendigeren hellen Metalloxy- 
den und metallischen Salzen. Der Tag widerstrebt einer jeden Oxydation, 
wo sie nicht in Erstarrung übergegangen ist, oder wo sie nicht einen eignen 
innern Heerd gefunden hat — der innerlich aufgegangene Tag — wie im 
thierischen Leben. 

Aber Buch holz 's und Ritter 's Versuche beweisen, dafs jene Hy- 
drogenisation und Verfinsterung mit fortschreitender Oxydation in dem 
nehmlichen Körper statt findet. Denn, v/enn sie das salpetersaure oder salz- 
saure Silber den* Sonnenlichte aussetzten, ward die ganze Masse keineswegcs 
schwarz; vielmehr, indem die Oberfläche schwarz ward, erhielt sich die 
unter derselben liegende Fläche grau oder weifs, ja, wenn sie beym salzsau- 
ren Silber schon grau war , ward die weifse Farbe wieder hervorgerufen. Man 



— 4^ — 

dcnliC sich, was liier als Farben- Gegensatz aufserlicli gescliauet werden hnnn, 
noch unendlich liefer gehend, und man wird einsehen, wie, bey den oben- 
erwähnten dunkler werdenden Mctalloxyden selbst die innerliche fortschrei- 
tende Oxydation mit einer iiufserlich gegen das Licht gekehrten entgegenge- 
setzten Function verbunden scyn kann. Indessen ist es kaum von irgend 
einem Metalloxyd bewiesen, dafs es, während es dunkler ward, an Oxyda- 
tion zunahm , das Braunsteinoxyd ausgenommen. Aber dieses zeigt auch so 
viele heterogene Erscheinungen, eine solche Neigung sich zu reduciren. Ja 
selbst in eine merkwürdige höchst bewegliche Spannung der Hydrogenisation 
zu treten (als Chamaeleon), dafs es in dieser Rücksicht, unserer Ansicht nach, 
doppelt belehrend wird. 

In einigen Fällen scheint bey den Metallen der erste hellere Moment 
der Oxydation schnell verschwindend und kaum bemerkbar. So läuft das 
Quecksilber in der Luft schwarz an, und erhält durch Schütteln die nehiu- 
liche Farbe. Zink, so merkwürdig durch die Begierde mit der es der Richtung 
der Oxydation entgegeneilt, wird ebenfalls schwarz , und das Wismuth läuft blau, 
oder eigentlich vielfarbig an. Doch sind diese Fälle selten, und wir zweifeln 
nicht, dafs man auch bey ihnen den hellen Moment keimender Oxydation 
bey genauerer Beobachtung wird entdecken können. 

Desto häufiger sind diejenigen Metalle, die diesen Moment fest 
halten. So läuft das Zinn graulich weifs an , das Bley wird an der Luft grau, 
dann weifs; Antimonium, Tellurium und Arsenik verflüchtigen sich als 
weifse Oxyde. Die übrigen Metalle, Wolfram, Molybdän, Uranium imd 
Chromium sind in Rücksicht ihrer ersten, beweglichem Oxydationsregungen 
zu unbekannt, als dafs wir von ihnen etwas erwähnen könnten. 



— 43 — 

Zwischen diesem Weifs der Oxydation und dem Schwarz der Hydro- 
genisation brechen nun die lebendigem Farben der Oxyde hervor. Diejenigen 
Metalle, die dem Mittelpunct der Metallitiu naher liegen, suchen mit der 
respectivcn Intensität ihrer ursprünglichen Natur, ihre eigenthilmliche Art zu 
behaupten, daher rufen sie, wenn sie der Gewalt der Oxydation zu unter- 
liegen befürchten, die entgegengesetzte Richtung hervor, und zwischen 
beyden spielen die raannichfaltigen Farben des Eisens, Kupfers, Kobalts, 
Bleyes u. s. w. Diejenigen Metalle dahingegen, die von dein Mittelpunct der 
Metallität entfernter sind, und daher von der Richtung der Oxydation stärker 
ergriffen \verden , bleiben entweder weifs , wie Antimonium , Tellurium, 
Arsenili, oder sie erblassen nach einem hurzen, durch wechselnde Farben 
anaedeulctcn Leben. So ist das Wolframmctall erst scliwarz, dann heller 
gelb, das Chroniium erst grün, dann braun, dann heller orange, das Titan 
erst blau, dann roth, zuletzt weifs, endlich das Zinh erst gelb, dann weifs. 

Am deutlichsten erkennen wir aber die Leichname durch grosse Natur- 
processe längst getödteter Metalle, in den Erden deren metallische Natur jetzt 
mehr als vermuthet wird, deren Erstarrung durch Oxydation keinem Zweifel 
unterworfen ist, und die bekanntlich alle weifs sind. 

Man könnte uns einwenden, dafs eine Menge Körper, wie Leine- 
wand, Papier, Wachs, Talg, vveifs und verbrennlich sind. Aber eben diese 
werden unsere Ansicht am auffallendsten bestätigen und erläutern. Denn 
erstens ist es grade bey diesen bekannt, dafs die Oxydation mit der weifsen 
Farbe zusanunenfällt , die auch durch sie erhöht wird (worauf das Bleichen 
mit Salzsäure beruht), und dann brennt ja in der That nie das Weifse , son- 



— 44 — 

dem das entgegengesetzte Scli'.varze wird erst hervorgerufen, und aus diesem 
Gegensatze , am Rande des Weifsen und Schwarzen , entspringt die Flamme, 
als ein lebendiges, bewegliches Farbenbild, unten blau, in der Mitte gelb, 
und wenn die Flamme vollständig ist, immer auf der Spitze roth. 

Eine schöne und bedeutende Bestätigung gewähren uns die Gebirge. 
Nachdem die Zusammensetzung — aus Feldspath, Glimmer und Quarz — die 
auf einen Innern Widerstreit der Actionen deutet, von welcher Art dieser auch 
seyn mag, allmählig verschwunden ist, durch Granit, Gneus und Glimmer- 
schiefer, erscheint die einfache Masse der Erstarrung und einseitigen Oxyda- 
tion im Thonschiefer, ansclieinend schwarz. Aber der Thonschiefer ist in der 
That weifs, wie der weifse Strich , den jeder an unsern Schreibtafcln kennt, 
überzeugend darlhut. Das Schwarzwerden der Oberfläche ist jene merkwür- 
dige Function des Lichts, also ein anfangendes Verbrennlichwerden, wie 
die Schv/ärze des Lichtschnuppens, der Metalloxyde, des brennenden Papiers. 
Dafs es wirklich eine atmosphärische Function ist, davon überzeugt uns die 
allgemein bekannte Erfahrung. Denn der weifse Strich wird, befeuchtet, in 
der Atmosphäre schwarz. Allmählig, wie in den Jüngern Gebirgen der Pro- 
cefs der Verbrennlichkcit zunimmt, hört der weifse Strich auf, die Hydroge- 
nisation ist tiefer in die Materie hincingedrungen , die fortwährende, und 
jetzt tiefer greifende Liclitfunctlon hat die entgegengesetzte Richtung mächti- 
ger erregt, das zeugende, und für das Leben empfängliche Princip der Nacht 
hervorgerufen, und endlich erscheint die, jetzt von der bestimmbaren Un- 
endlichkeit durchdrungene Masse, als Kohlcnblende , als Steinkohle, und 
di« Flamme liricht heraus. 



— ^iJ — 

Wenn wir daher, aus Gründen die nicht unbekannt sind, den Koh- 
lenstoff, als das Element des festen Landes bestimmen, so ist dieser Stoff 
keineswcgcs schwarz, sondern, als das ursprüngUch Erstarrte, vielmehr 
weifs , und erscheint nur schwarz in der ihm nicht ursprüngliclien Richtung 
der Verallgemeinerung. Erfahrungen unterstützen unsere Behauptung, denn 
die brennende schwarze Kohle ist, wieWint^rl und Berthollet bewiesen 
haben , hydrogenisirt. 

Auch im Leben fällt die universellere Sonderung mit der weifsen Farbe 
zusammen. Die weifsen Säfte und alle weifsen Theile der Pflanzen sind 
bekanntlich vorzugsweise oxydirt, und aus der Mitte des Weifsen und des in 
dem Grünen verborgenen , durch das Leben gemilderten , Schwarz der Iiohle, 
entspringen, als die lebendigen Flammen , die gefärbten Blüthen, durch das 
eigenthümliche Leben in einer Richtung der Färbung festgehalten. In den 
niedern Thieren, wo die Sonderung universeller, mehr an das allgemeine 
Leben der Erde geknüpft ist, wie schon das Anschliefsen an das indifferente 
Wasser, oder a?i den Wechsel seiner Spannungen in der Atmosphäre durch 
das jährliche Absterben , kund thut, -wo das Leben träger und weniger beweg- 
lich erscheint, ist daher das Blut weifs und kalt. Nicht allein bey den 
Pflanzen, auch bey der Vegetatioji der Thiere (Haare, Federn) deutet die 
weifse Farbe auf Erstarrung (todte Oxydation). Daher erblassen diese Theile, 
wo das regere Leben zurücktritt. Die Farben der Säugthiere, der Vögel, 
wie die der Blüthen, treten gegen Norden zurück. Endlich finden wir im 
höchsten Norden fast lauter weifse Thiere, so die Hermeline, Haasen u. s. w. 
die, wie die Erde, im Winter weifs werden, die weifsen Bären und das Heer 

G 



— 46 - 

weifsgefiederter Vögel. Auch die weifse erstarrte Schneedecke des Winters 
deutet auf eine allgemeine Sonderung; denn es ist bewiesen, dafs das erfrorne 
Wasser und vor allem der Schnee oxydirt sey. 

Aber die bunten Farben verschwinden mit den Metallen, bey welchen 
noch der lebhafte Streit entgegengesetzter Richtungen stattfindet, zeigen sich 
nur als Fremdlinge, durch die Metalle hervorgerufen, in der Epoche der 
herrschenden Erden, wo die einseitig herrschende Erstarrung waltet, und 
erscheinen erst wieder in der stets beweglichen lebendigen Luft, und in den 
lebenden Pflanzen und Thieren. 

Suchen wir nun denjenigen Mittelpunct aller Materie, in welchen 
alle diese Richtungen, sowohl des Weifsen und Scliwarzen, als die des 
beweglichem und lebendigem Farbenbildes, sich auf eine völlig gleichgültige 
Weise verlieren, so dafs sie aus diesem Mittelpunct, durch die äufsere, bele- 
bende Bestimmung der I.ichtfunctionen , bald auf diese, bald auf eine andere 
Weise hervorgerufen werden können, so finden wir diesen, wie alle Erfah- 
rungen einstimmig darthun , im Wasser. Denn alle jene Oxydationen 
und Hydrogenisationen der Metalle werden durch das Wasser vermittelt, wie 
die lehrreichen Versuche von Madame Fulhame, und die allgemein 
bekannten der bestätigenden galvanischen Säule beweisen. Und keiner, der 
die gegenwärtige Physik mit einem allgemeinem und umfassendem Blicke 
überschauet, wird zweifeln , dafs die Form des Galvanismus die bestimmende 
des angehenden chemischen Processes sey. Von so vielen Seiten und so 
vielfältig ist dieses, zumahl von Ritter, bewiesen, dafs wir es weitläufiger 
zu entwickeln überhoben seyn können. Alle jene von dem Hellern ins 



— .47 ~ 

Dünlilere übergehende IMotalloxyde, zeigen jene Veränderungen nur, wenn 
sie feucht sind , und nicht das salzsaure und salpetersaure Silber allein, auch 
das orangefarbige Kupferoxyd, das grünlichgelbe Silberoxyd, und ohne allen 
Zweifel alle auf erwähnte Weise veränderliche Metalloxyde, bleiben, wenn 
sie trochen sind , unverändert. Bey einem jeden Oxydalions- oder Hydroge- 
nisations- und Neutralisationsprocefs wird Wasser gespannt, oder wie die 
Chemiker sich ausdrücken, zerlegt oder erzeugt, und es ist in dieser Rücli- 
sicht der gleichgültige, unbestimmte, unendliche Träger aller Farben. 

Aber das Wasser ist auch das allgemeinste Grau der Natur. Das 
Meer erscheint nur differenzirt und in Farben spielend, wo es sich an Ufern 
und flachen Betten bricht, und das Grau der Atmosphäre ist, wie allgemein 
bekannt, mit ihrer Wasserproduction eins. 

Indem nun, aus dein allgemeinen und unendlichen Grau, getragen 
Von dem starren Gegensatz des Weifsen und Schwarzen, das Farbenbild 
entspringt, oder sich vielmehr in und mit dieser seiner allgemeinen Welt 
bildet, entdecken wir gleich in ihm die Spuren des höhern Lebens; nehmlich 
in der herrschenden Triplicität, da bey dem Weifs und Schwarz nur die 
Duplicität w^altet. Denn obgleich das Roth und Blau als ein lebendiger Ge- 
gensatz angesehen wird, ist doch keineswegcs das Gelbe als die blofse Indiffe- 
renz zwischen beyden zu betrachten. Das Weifse und Schwarze sind nehm- 
lich nur durch ihre Relation gegen einander, und das Graue drückt nichts 
anders aus, als das Gleichgültige dieser Relation. Bey den Farben hingegen 
ist der Mittelpunct, und mit diesem die Extreme, wahrhaft selbstständig und 
in sich gegründet, wie unser Freund bewiesen hat. Und diese Selbststän- 

G 2 



— 48 — 

diglicit verliert sich nie, sondern behauptet sich, so lange die Functionen 
leben, auch in dem scheinbarsten Minimo der entgegengesetzten Mischung. 
Aber daraus folgt nun, dafs das Ganze sich in einem jeden Gliede durchdringt, 
und eben dadurch ein höheres, beweglicheres Leben hervorruft, indem Roth, 
Gelb und Blau als eben so viele Mittelpuncte eines unendlichen Gegensatzes 
erscheinen. 

Dieser Gegensatz, \venn gleich auf eine lebendigere Weise, ist nun 
der nchmliche, den wir im Weifs und Schwarz, obgleich als eine blofse 
scheinbare todtc Erstarrung erkannten. Denn das Roth und Blau zeigt uns 
abermals den Widerstreit der Oxydation und Hydrogenisation. Selbst bey 
dem ersten Keimen des prismatischen Faibenbildes , das aus dem herrschen- 
den Grau der Metallreihe hervorbricht, erkennen wir das Roth auf der Seite 
des starreren, also am meisten individualisirten Metalls, im Kupfer, das 
Blau auf der Seite des expandirleren, also universellem Metalls, im Bley, 
und das Gelb bey dem in der Mitte stehenden edleren Gold. Und zwar diese 
Farbe, als das gleichsam in dem Mittelpunct der Masse fixirle Licht, am 
reinsten. 

Herrschel's und Ritter's Yersuche stimmen aber durchaus überein, 
ja sie bezeichnen auf eine lehrreiche Weise das Nehmliche. Denn indem 
Ritt er beweist, dafs die rothe Farbe des prismatischen Bildes die Oxydation 
nicht nur unterhält, sondern auch hervorruft, die blaue Farbe aber hydroge- 
nisirt, so ist die individuellere Contraction auf der Seite der rothen Farbe, 
die universellere Expansion aber auf der Seite der blauen. Bey dem allge- 
meinen Zusammenhange aller Dinge ist aber eine Contraction eines Körpers 



— 49 — 

(durch die Oxydation) mit der Expansion der Umgebung unmittelbar ver- 
tnüpft, welches die Erscheinung der Wärmeerregung nach Herrsch el in der 
rothen Farbe hervorruft. Eben so ist eine jede Expansion eines Körpers mit 
der Contraclion der Umgebung verknüpft, wodurch die Erscheinung der 
relativen Wärmeverminderung nach Herrschel in der blauen Farbe erzeugt 
wird. Dafs aber die Herrscheische Wahrnelimung auf lieinen Irrthuni 
gegründet sey, hat trotz alles Widerspruchs von Leslie, Wünsch und 
andern, Ritters gründliche kritische Untersuchung bewiesen. 

Wir folgern aus dem bisherigen, was aus ihm mit Nothwendigkeit 
gefolgert Averden mufs, überzeugt, dafs uns die Wahrnehmung der ewig 
consequenten Natur, sind wir nur auf dem rechten Wege, nicht widerspre- 
chen wird. 

Da nehmlich das Graue die Indifferenz des Weifsen und Schwarzen, 
und zugleich die universelle, unbestimmte, nicht individualisirte Erschei- 
nung aller Farben ist, so ist es klar, dafs, wo das Weifse und Schwarze in 
steter Spannung gegen einander erhalten werden, ohne sich ins Graue zu 
indifferenzire n , die lebendigere Hineinbildung des Einen in das Andei'e nur 
durch den beweglicheren Farhengegensatz vermittelt werden kann. Denn die 
Farben sind ja nichts anders als das Leben des Grauen, was das Weifse und 
Schwarze in ihrer Spannung gegen einander ebenfalls sind. Alle hellen Farben 
sindaber nur durch die Gewalt des Weifsen, alle dunklen durch die Gewalt des 
Schwarzen. Was daher von der Spannung des Weifsen und Schwarzen, "-ilt 
auch von der Spannung der hellen und dunklen Farben. Aber nicht von 
diesen allein, auch von dem Hellen und Finstern überhaupt. Es ist gewifs, 



— .5o — 
dafs das Tageslicht mit einem Oxydationspiocefs verlinüpft ist, wie die 
anTefülirten Hydrogenisationen der Metalloxyde, der Pflanzen u. s. w. bewei- 
sen. Im Finstem müssen wir schon eine Hydrogenisation annehmen, w^eil 
es dem Hellen entgegengesetzt ist, wenn auch nicht andere auffallende That- 
sachen, die wir später erwähnen werden, dafür sprächen. Selbst die künst- 
liche Erhellung , durch leuchtende Flamme , hydrogenisirt, wieDecandolle 
durch seine Versuche mit Pflanzen bewiesen hat. Man denke sich hier kein 
Extrem der Oxydation oder Hydrogenisation, wie es das grob sinnliche 
chemische Experiment zu fixiren vermag. Nur die lebendige Combination 
verma«^ diese leisen Aeufserungen für die Betrachtung zu gewinnen. 

Kurz , es mufs zwischen allen hellen und dunklen Körpern , die sich 
berühren und wechselseitig spannen, ein der Flamme ähnliches Farbenbild 
hervorbrechen, wie zwischen dem weifsen Talg und d^v schwarzen Licht- 
schnuppe, den lebendigen, durch die Spannung unterhaltenen Gegensatz 
bezeichnend. Dieses Farbenbild ist am Tage unsichtbar, wie die Flamme 
im Sonnenlicht, erscheint aber nicht im Dunkeln, weil das Dunkle die 
Spannun^^ zwischen Weifs und Schwarz, und mit dieser die Bedingung der 
Erscheinung auflvt:l>t. Das Prisma nun ist für diesen lebendigem Gegensatz, 
was das Microscop für die kleinen sonst unsichtbaren Gegenstände, der 
Entdecker, keinesweges der Erzeuger desselben. Und man brauchtnicht einmahl 
das Prisma, um die lebendige, zwischen AVeifs und Schwarz verschlossene 
Farbenflamme zu entdecken. Man mahle nur ein tief schwarzes Quadrat, 
etwa einen halben Zoll lang und breit, auf ein weifses Papier. Daneben 
mal^le man einen viereckigen schwarzen Rand, etwa ein viertel Zoll breit 



— 51 — 

und zwey Zoll lang, der eine lange, schmale, drey bis vier Linien breite 
weifse Fläche von allen Seiten unischliefst. Beyde betrachte man anhaltend 
und f^enau, mit fast zugeschlossenen Augen. Hierbey bewegen sich die 
Auo-en von selbst schnell blinzelnd auf und nieder. Also wird das Weifse in 
das Schwarze, dieses in jenes hineingebildet, und aus dieser Hineinbil- 
dung entspringt in der That das prismatische Bild, und zwar ganz nach den 
Gesetzen der Goethischen Farbenvertheilung, bey nach imten gekehrtem 
Winkel des Prisma, nehmlich, bey der schwarzen Fläche auf weifsem Grunde 
oben blau, unten roth und gelb, bey- der weifsen Fläche auf schwarzem 
Grunde oben roth und gelb, unten blau. Wir haben diese gefärbten Ränder, 
bey hundertfältiger Wiederholung, wenn gleich schmal, recht deutlich 
gesehen. Wie es scheint, gelingt es den Kurzsiclitigen gar nicht, oder 
schwer. Mit einiger Aufmerksamkeit kann ein jeder, der nicht kurzsichtig 
ist, den Versuch anstellen. 

In einer andern Rücksicht tritt das zerstreuende Prisma in Gegensatz 
gegen das concentrirende Brennglas, und das prismatische Farbenbild, das 
in der dunklen Kammer, oder durch die Lichtzerstreuung des kegelförmigen 
Prisma's hervorgerufen .wird, ist die an den Gegensatz des Weifsen und 
Schwarzen gekettete Flamme, so wie die Flamme, die durch eine jede Ver- 
brennung, auch durch das Brennglas hervorgerufen wird, das aus demselben 
Gegensatz lebendiger hervorbrechende, in sich beweglichere Farbenbild. Wo 
das Farbenbild erscheint, ist oder wird der Gegensatz vom Hellen und Dun- 
keln erzeugt, und von diesem bezwungen erscheint es, nur durch die Richtung, 
keinesweges durch die Function, von der Flamme verschieden. 



-— 52 — 
Dafs es sich auf diese Weise verhält, beweisen die genauem Versuche 
mit denr weifsen salzsauren Silber auf eine auffallende Weise. Hey dem Hrn. 
Dr. Seebeck in Jena haben wir nehmlich schöne, sor-fältig erhaltene Präpa- 
rate dieses gegen die Llchtaction so beweglichen Salzes gesellen, welche, 
indem sie in einer dunklen Kammer der Einwirkung des prismalischen Bildes 
ausf^esetzt wurden, nicht allein in der blauen Farbe schwarz, in der rolhcn 
Farbe welfs wurden, sondern auch aufs deutlichste selbst die Farben des 
Prismas, wenn gleich etwas matter, erhalten halten, so dafs das sonst 
weifse, reih, das sonst schwarze, blau, in der Mitte aber das Gelb erschien. 
Diese mit grofser Sorgfalt angestellten Versuche, die mannichfaltig modificirt 
sind, hat der Entdecker Leider nicht bekannt gemacht. Sie erscheinen uns aber 
höchst vvicliiig. Denn ist es nicht klar, dafs hier die Farben mit den 
Functionen identisch werden, dafs diese beweglichem Momente, wie die 
farbi"-e Flamme aus den brennenden Körpern, aus dem Gegensatz des Hellen 
uud Dunkeln hervorbrechen, nur an diesen allgemeinen Gegensatz gebunden? 
Die rothe Farbe schliefst sich im Allgemeinen an die weifse, wie sie auch, in 
den bekannten Versuchen von Goethe, ins Weifse hineinstrahlt, die blaue 
an die schwarze, wie ebenfalls in den erwähnten Versuchen. Dafs aber diese 
ursprüngliche Vertheilung auf mancherley Weise modificirt werden kann, 
daran zweifeln wir keinesweges. 

Die Gesetze der Vertheilung der Farben an entgegengesetzten dunklen 
Rändern heller, und hellen Flandern dunkler Körper, bey nach oben oder unlen 
gekehrtem brechenden Winkel des Prisma's, eröffnen der Betrachtung ein 
unendliches Feld, das durch Goethe so gliiclüich gewonnen ist, und für die 



— 53 — 

Theorie des Lichts von entschiedener Wichtigheit werden wird, hier aber nur 
angedeutet werden kann. Indessen verdient es wohl bemerkt zu werden, 
dafs etwas, dieser Vertheilung ähnliches, selbst bey den Flammen sich 
äufsert, zumahl bey den brennenden Metallen , indem die ursprünglich con- 
trahirteren Metalle mit rother oder bunter Flamme brennen , wie Kupfer, 
Eisen u. s. \v. die expandirteren mit blauer, wie Antimonium, Arsenik, 
selbst Schwefel und Phosphor, Die höchste Intensität der Flamme aber scheint 
den Gegensatz aufzuheben, und in einen blofsen hellen Schein zu verwandeln 
wie die Weifsglühhitze , die Verbrennung des Phosphors in Sauerstoffgas u. s. w. 

Auch die mancherley Modificationen der Lichtfunctionen des prisma- 
tischen Bildes, durch die verschiedene Beschaffenheit der Prismen, sind durch die 
scharfsinnige und streng prüfende combinatorische Zusammenstelluucr der 
Versuche von Herrschel, Englefield, Leslie und Wünsch, durch 
Ritter, höchst wichtig geworden. 

Bey allen diesen Untersuchungen werden wir aber nie übersehen 
dafs selbst der Gegensatz vom Hellen und Dunklen nur als Lichtfunction zu 
betrachten ist, und das Licht selbst so wenig durch diese Gegensätze aus 
seiner Einheit heraustritt , als die Seele die Einheit ihres Wesens durch den 
Wechselstreit eigener Gedanken aufhebt. 

Die Flamme ist also die Zusammendrängung der individualisirtcn 
Thätigkeit des Lichts, die aus der Mille des Gegensatzes von hell und dunkel 
auf die lebendigste Weise hervorbricht. Und wenn Weifs und Schwarz eine 
individuellere Darstellung des Hellen des Tages und des Finstern der Nacht ist 
so ist das Farbenbild wieder die höhere Individualisirung des Weifsen und 

II 



— 54 — 

Schv.arzen, indem aus dem aufsern Gegensatz die höhere Triplicität her\*or- 
bricht; diese selbst wird aber, durch die höchste Individualisirung in der 
Flamme, zur ursprünglichen lebendigen Einheit zurückgeführt, aus welcher 
sie herstammt. 

Wo das Maximum der Verfinsterung hervortritt, da ist Iteinc Flamme, 
sondern nur feurige rotheGluth, das Extrem der Concentration, Avelches die 
Zwischenglieder des Farbenbildes zurückdrängt, um gleich das Höchste dar- 
zustellen. Durch die rothc Gluth bricht daher wieder die Erstarrung des 
Weifsen als Asche hervor. So sehen wir am Lichte, da wo der Rufs die höch- 
^ ■ ste Spannung des Verbrennlichen , also die Verfinsterung andeutet, auf der 

Spitze des Lichtschnuppens, die Gluth mitten aus der beweglichen Flamme 
den Uebergang zum entgegengesetzten Extrem des Verbrannten angeben, und 
daher mit Asche bedeckt. Auf die nehmliche "Weise leuchten die Lichtmagnete, 
der Diamant, der Cantonsche Phosphor, das faule Holz , das Meerwasser und 
so viele andere Körper, nachdem sie dem Sonnenlicht ausgesetzt gewesen sind, 
im Finstcrn Im Licht nehmlich wird eine leise Hydrogenisation , durch die 
waltende Oxydation der Atmosphäre hervorgerufen. Im Finstem bricht diese, 
durch die herrschende Hydrogenisation gesteigert und gespannt, in einer 
leisen Verbrennung aus, die sich durch die Phosphorescenz offenbart. 

Wir können das Roth, welches im Violett des Farbenbildes hervortritt, als 
die kemiende Anlage eines neuen Gegensatzes ansehen , als ein Roth, welches eben 
so aus deniExtrem des Blauen hervorbricht, wie die Gluth aus dem Schwarz der 
Kohle. Die stille Gluth der Lichtmagnete bricht ebenfalls in der blauen Farbe 
des Prismas hervor, wie früher Wilson, spiiter Ritter bewiesen liaben. 



— 55 — 

Wenn' wir das Dargestellte genau erwägen , so künnen wir nicht daran 
zweifeln, dafs alle Pigmente, die metallischen sowohl als die vegetabilischen, 
als verschlossene Flammen, iixirte Stufen derselben, anzusehen sind, und 
zwar so, dafs die Eigenthümlichlveit der -fixirten Function sich durch die 
Farbe entdecken läfst. Zwar wird es kaum möglich seyn , diese Functionen 
in allen ihren leisen Veränderungen zu verfolgen, weil die Verwickeluno^en 
fast unendlich sind, indem das Helle sowohl als das Dunkle alle Stufen des 
Farbenbildes durchlaufen, und eine jede Farbe alle Modificationen des Hellen 
und Dunkeln theilen kann. Indessen liegen allerdings in einer jeden Farbe 
alle anderen, und bey vielen Pigmenten sehen wir sie auf eine nierkwürdi<re 
Weise bey der leisesten Anregung hervortreten. 

So Winterl's mineralisches Chamaeleon oder hydrogenisirtes Eraun- 
steinoxyd, bey welchem die Hydrogenisation so energisch ist, dafs selbst das 
Kali im Gegensatz gegen dasselbe als Säure auftritt und sich mit ihm neutra- 
lisirt. Wenn auch nur die leiseste Säui-e die Function der Oxydation hervor- 
ruft, so steigert sich erst die allgemeinere Hydrogenisation, und die Masse 
wird aus einer dunkel grasgrünen in eine schwarzgrüne und schwarze ver- 
wandelt. Aus diesem Schwarz regt sich nun di« blaue Farbe, erst schwarzblau 
dann rein blau. Aus diesem bricht das Fioth hervor durch das Violettbläuliclie 
Violette, Violettpurpurne, Purpurne, Piirpurrothe, Kubinrothe, und bleibt 
bey der Feuerfarbe der Morgenrüthe stehen. Grade wie jene Gluth der o^lü- 
henden Kohle, die nur, durch eine lebendigere Action , mit Zurückdrän "-un" 
aller Zwischenstufen, das feurige Extrem aus dem düstern Schwarz auo^en- 
blicklich hervorruft. Was die leise Oxydation aufhebt, bey geringer Meno^e 

H2 



— 56 — 
selbst die Berührung mit dem Finger, vernichtet die rothe Farbe, und stellt 
die ursprüngliche grüne schnell wieder her. 

Die in den Pflanzen fixirten Lichtfunctionen durchlaufen ähnliche 
Stufen, wie Wahlenberg gezeigt hat. So wird die grüne Farbe des 
Extractivstoffs durch Kali gelb, wie aus den Beeren des Rhamnus catharticus 
und aus den Knospen des Populus balsamifera. Die gelben werden durch 
Kali rolh (oder braunroth), wie aus den Wurzeln der Curcuma, die rothen 
werden durch das Kali violett, wie beyni Fernambuliholz , die scharlach- 
rothen werden durch dasselbe Reagens blau, -wie der ExtractivstofF aus den 
Blumenblättern des Papaver dubium; die violetten endlich werden dadurch 
grün, wie der aus den Beeren der Actaea spicata und der aus den Blumen- 
blättern der Viola odorata. Die anfänglich grüne Farbe wird also von dem 
Kali nach und nach in die gelbe, rothe, blaue, und dann wieder in die grüne 
umgeändert. Alle diese durch Kali hervorgerufenen Farben werden nicht 
allein durch Säuren wieder aufgehoben, sondern viele natürliche werden durch 
die letztern verändert, und zwar in einer umgekehrten Ordnung — also vom 
Grün zum Blau, Roth u. s. w. grade wie das oben erwähnte Chamaeleon. 

Um die Art dieser Verwandlung zu begreifen, müssen wir folgendes 
erwäo"en. Das Kali wirkt als ein Erreger der Hydrogenisation, woran wir 
nicht zweifeln können , indem es theils den oxydirenden Säuren entgegenge- 
setzt ist, theils im Lichte, das für die Pflanzen hydrogenisirend ist, oft die 
Farben in der nehmlichen Ordnung verändert werden, wie durch das Kali. 
So werden die gelblichen, rothbraun, wie bey dem Extractivstoff aus der 
Rinde der Alnus , die rothe Corollc der Pulmonaria wird blau u. s. w. Dieses 



— 57 — 
hydrogenisirencle Reagens steigert also erst die Oxydation, und durchläuft 
daher immer die rolhe Farbe, die gewöhnlich auch hier hell ist, bis aus dem 
heilem Roth das Blau hervorbricht. Den umgekehrten Weg, den des Cha- 
maeleons, nimmt die Säure. 

Die leisesten Farbenspiele treten beym Anlaufen der Metalle hervor, 
und zwar hier, nachdem die Anregung hellerer Oxydation zurückgedrängt iät, 
meist mit denjenigen Farbenfolgen, die unser Freund die monotonen 
und disharmonischen nennt. Diese haben in der Natur ein höheres Interesse 
als in der Kunst, Aveil sie auf die spielende Entstehung hinweisen. So alle 
Farben des Regenbogens , die in voller Pracht und bogenförmig beym grauen 
Spiesglaserz hervortreten , weniger deutlich beym Bleyglanze und Eisenglanze. 
Manchmahl ist helleres Blau mit lichterem Grün und wenig Roth und Gelb 
sanft verbunden, wie beynr Wismuth, Buntkupfererz, Kupferkies; öfters 
wieder ein dunkles Braun , Blau, Grün und Gelb zusammen, wie vorzüglich 
prachtvoll bey dem Elbaer Eisenglanz. Das gehärtete Stahl läuft wie Spiesko- 
balt und Kupferglas mit einem blassen Blau und Gelb an. Alle diese Farben 
sind nun deutlich genug leichte Spiele der Oxydation und Hydrogenisation, 
zwischen dem helleren der an<rehenden Erblassunir und dem dunkleren Metall 
hervorbrechend, und erregt durch die leichte Beweglichkeit des atmosphäri- 
schen Wassers. Der Schwefel daher, der das Wasser in dieser Verbindung vor- 
züglich leicht zu spannen vermag, macht die Metalle vor allem dafür empfänglich. 

Die harmonischen Farben kommen zwar selten in der Natur vor, doch 
auf eine sehr merkwürdige, und die Ansicht unseres Freundes auffallend bestä- 
tigende Weise. Nehmlich bey den opalisirenden Fossilien. Der Labradorstein 



— 5a — 

zeigt uns diese Erschciiiuiii^en nur unrein, weil bcy ihm die VerwiLterung, 
mehr oder weniger versteclit, den Farben Wechsel hervorruft; aber diese ist mit 
der alhuiihligen Metamorphose verknüpft, die die monotonen Uebergiinge 
liebt. Am reinsten und lehrreichsten erscheint das Nebcneinanderseyn der 
harmonischen Farben , und zwar auf eine solche Weise , dafs sie sich wechsel- 
seilig erheben, und zwischen sich das Universelle der ganzen Reihe, das Grau, 
hervorrufen , im Opal. Dafs das liarmonische Farbenspiel des Op.al's aus dem 
allgemeineren Grau des Wassers hervortritt, leidet lieinen Zweifel, denn der 
Opal liefert eine bedeutende Menge Wasser, und der erstorbene Opal (der Hy- 
drophan) wird wieder belebt durch Eintauchen in Wasser, wodurch das er- 
loschene Farbenspiel wieder erweclu wird. Hier nun zeigt sich eine Spannung 
des lebendigen Farbenbildes selbst, aus welcher, wie in der Flamme, die Ein- 
heit wider die Duplicität hervortritt. Aber wo diese hervortritt entsteht eine 
wahre Musik, das Thema wird durchgeführt, bis alle Töne sich in eine Har- 
monie auflösen. Dem brennenden Roth gegenüber erscheint das glänzendste 
Grün, die ganze Farbenreihe in einen Accord veischmelzend. Als ein ruhiger 
Durchgangspunct erscheint das mildernde Grau, schnell entstehend und ver- 
schwindend; dann bricht das Gelb hervor, und ihm gegenüber, als einneuervoll- 
ständiger Accord, das Blau und Roth im Violett. Nochmahls erscheint, in 
einem schnell vorbeyeilenden Moment, das Grau, und aus diesem der dritte 
alles lösende Accord, das Blau, mit gegenüberstehendem Roth und Gelb als 
Orange. Bescheidener, zurücltgedrängt, zeigt sich bey dem gemeinen Opal nur 
das Spiel des blasseren Blau, mit dem, dem Orange sich nähernden Brandgelb. 
Das wundersame Spiel des durch die Kieselerde gespannten Wassers reflecti- 



— 59 — 

rend zu zerlegen, möchte wohl unmöglich seyn. Das müssen wir aber aus- 
drücklich bemerken , dafs die Farbe des stark opalisireuden Fossils , sowohl 
bcy dem edlen als bey dem gemeinen Opal , keinesweges , wie es in den 
Beschreibungen heifst, vi^eifs, sondern wahrhaft grau ist. 

Wir schliefsen die Betrachtung mit einigen kurzen Sätzen und Fragen. 

Ist nicht das Morgenroth, als die rothe Seite des grofsen täglich sich 
bewegenden Farbenbildes anzusehen , das sich in das Helle des Tages hinein- 
■wirft; der Blittag als das herrschende Gelb, und die Abendröthe als das 
Violett, das sich in die finstere Nacht hinein verliert? 

Erhellt nicht die liefe Bedeutung der Farben schon daraus, dafs die 
höchsten Functionen der Pflanzen von den Farben gefangen genommen sind, 
und zurücktreten? So duften nicht die Pflanzen mit reinen glänzenden Farben, 
und bey den duftenden Blütlien erscheinen die Farben bescheidener, verlieren 
sich mehr oder weniger in das unendliche, unbestimmte Grau. Man verglei- 
che die Tulpen mit den Nachtviolen. Selbst bey den bunten Nelken sind die 
Farben trübe und unrein. 

Ist nicht auf einer höheren Stufe der Gesang der Vögel, was der Duft 
der Blülhen ist? Und auch dieser verstummt, wo das glänzende, mit reinen 
blendenden Farben geschmückte Gefieder hervortritt. Daher find die Sins- 
Vögel häufiger gegen Norden, wo das Gefieder weniger glänzend, matter, 
sich in Grau verliert. Man vergleiche unsere Nachtigallen und Lerchen mit 
den Papageven. 

Tritt nicht in der grofsen Farbenmusik des Totalorgan'smus, das Grün 
derPflanzen dem Roth der höheren Thiere gegenüber, wie in dem harmonischen 
Farbenspiel des Opals? 



— 6o — 

Bey den höheren Thieien tritt das prismalische Farbenbild in dem 
arleriellcn und venösen System hervor. Die universelle Verfinsterung ist 
zun'ich"edrän<^t, sucht höclistens in dem Pfortadersystem der vegetativen 
Bauclihuhle sich hervorzudnmgen; aber die weifse Farbe ist, als ein innerer 
allgemeiner Tag, und allem "Wechsel entzogen, in dem Nervensystem aufgegan- 
gen. Die allgemeine weifseFarbe deutet, besonders beydem Menschen , auf die 
Efstarrung des ruhigen Todes , die rothe Farbe auf eine UranMiafte, tödtende 
Bewc^lichheit. Die innige Verschmelzung und geordnete Temperatur beyder 
ist die höchste Gesundheit und Schönheit. 

Was wir geleistet haben ist wenig, viele Probleme sind nicht gelöst, 
Itaum berührt. Mancher Zweifel ist noch zu heben , und Widersprüche wer- 
den entstehen , die wir zum Theil ahnden. Indessen glauben wir den rechten 
Wes; nicht ganz verfohlt zu haben. Einige Accorde sind angeschlagen , und 
es ist die ganze Natur, die wiedertönt. Aber schüchtern treten wir zurück 
vor jener feurigen wechselnden Glulh der Abend- und Morgenröthe, vor 
lenen Farben, die, wie ein stummes Geheimnifs in den mannichfachen Elü- 
then ruhen, durch die edlen Steine in der verborgenen erstarrten Masse der 
Erde festgehalten werden, vor jenem unendlichen wogenden Farbenmeer, 
das in rathselhaften Verschlingungen aus Luft, IMeer, Erde, Thieren und 
Pflanzen, uns davor allem, wie eine .lUe Tönein einen gemeinsamen Accord 
auflösende Musih, entgegentritt, wo die Natur, am lebhaftesten erregt, in 
heifier Begeisterung auf allen Saiten spielt. 



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Harmonisclie Wirkung , in den dirccien Contrasten der drey reinen FarbQ bestehend. 






Fig. 4 




Disharmonische Wirkung, in der Zusammenstellung der reinen Farben. 
Fig. 5- 





Monotone Wirkung, indem die Farben durch Ihre Mischungen (Producte) in einander übergehen. 
Fig. 7- 




Auflösung der disharmonischen Wirkuna:. 



Beruhigung oder Trennung 
der Disharmonie, durch Indifferenz. 




Vergröfserung der Disharmonie 

durch die drille Farbe. 

Fig. g. 



Schwächung der Disharmonie 
durch einen Übergang oder Froduct. 

Fi-- lo. 





Fig. II. 



Indirecle harmonische Conlraste zwcyer Mischungen. 
Fig. 12. 





Fig. 13 



Fig. 14. 



Auflösung disharmonischer Wirkungen, durch indircctc harmonische Conlraste zweyer Mischungen, 
in einen harmonischen Accord. 

Fig. 15. 



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